Geschichte der Arbeitsgruppe

Da Ania Muntau aus einem naturwissenschaftlich geprägten Elternhaus stammt, wurde schon früh ihr Interesse für die Forschung geweckt. Nach einem sehr prägenden Praktikum in der chirurgischen Abteilung eines italienischen Landkrankenhauses im Jahr 1983 entschied sie sich für die Medizin. Dort sah sie die Möglichkeit, einerseits wissenschaftlich zu arbeiten, andererseits aber auch den Kontakt mit Menschen pflegen zu können, der ihr besonders wichtig ist.

Zunächst promovierte sie im Bereich der Inneren Medizin zum Thema einer chronischen Lebererkrankung, der Primär Biliären Zirrhose, für die sie Untersuchungen zu einer neuen medikamentöse Therapie durchführte. Für die Pädiatrie entscheid sie sich erst später durch die Erfahrungen im Wahltertial ihres Praktischen Jahres am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Im Rahmen der Facharztausbildung verbrachte sie schließlich acht Jahre mit klinischer Tätigkeit in den Fachbereichen der allgemeinen Pädiatrie, der Kinderonkologie und der angeborenen Stoffwechselstörungen. Während der patientenorientierten Arbeit blieb nur wenig Zeit für Forschung, die jedoch für eine Laufbahn an der Universität unabdingbar ist. Die Ablehnung eines DFG-Auslandsstipendiums aufgrund fehlender wissenschaftlicher Erfahrung veranlasste sie dazu, die klinische Tätigkeit zugunsten einer Laborstelle auf Eis zu legen. Sie schloss sich der Arbeitsgruppe von Professor Roscher in der Abteilung für Biochemische Genetik an, wo sie sich mit den molekularen Grundlagen der peroxisomalen Biogenese beschäftigte. Im Rahmen dieser Forschungstätigkeit verbrachte sie auch einige Zeit am Institut für Physiologische Chemie an der Ruhr-Universität Bochum im Labor von Professor Wolf Kunau. Im Jahr 2002 habilitierte sie sich schließlich auf dem Gebiet der genetisch bedingten Defekte der peroxisomalen Biogenese.

Anschließend kehrte sie unter Fortführung der wissenschaftlichen Aktivitäten in die Klinik zurück. In der Stoffwechselabteilung des Dr. von Haunerschen Kinderspitals beschäftigte sie sich unter anderem mit der angeborenen Stoffwechselerkrankung Phenylketonurie. Bei dieser Erkrankung ist aufgrund eines Enzymdefekts der Abbau der Aminosäure Phenylalanin gestört. Die erhöhten Phenylalaninkonzentrationen im Blut führen zu schweren neurologischen Symptomen und zu einem gravierenden Intelligenzverlust, sofern eine frühzeitige Behandlung ausbleibt. Die bis dato einzige Behandlungsmöglichkeit bestand in einer strengen, lebenslangen, für die Patienten und ihre Familien sehr belastenden eiweißarmen Diät. Angeregt durch eine von einer japanischen Arbeitsgruppe gemachte Beobachtung führte Ania Muntau eine klinische Studie durch, die zeigen konnte, dass die Gabe des physiologischen Kofaktors des Enzyms, Tetrahydrobiopterin (BH4), den Zustand vieler Patienten verbessert und vielen von ihnen ein Leben ohne spezielle Ernährung oder mit einer deutlich gelockerten Diät ermöglicht (Muntau et al., New Engl J Med, 2002).

Die Gewährung einer DFG-Förderung ermöglichte es ihr, im Jahr 2002 eine eigene Arbeitsgruppe zu gründen. Darüber hinaus erhielt sie für ein Projekt zum Thema „Genetische Erkrankungen mit defekter Proteinfaltung: Entwicklung pharmako-therapeutischer Strategien“ eine Förderung des Bayerischen Genomforschungsnetzwerkes (BayGene). Im Rahmen dieser sehr hoch dotierten, siebenjährigen Förderung wurde eine Professur für Molekulare Pädiatrie geschaffen, auf die Ania Muntau berufen wurde. Damit entstand die Abteilung für Molekulare Pädiatrie.

Zu dieser Zeit erhielt die noch sehr kleine Arbeitsgruppe Unterstützung durch Dr. Søren Gersting. Als Arzt hat er sich zu einem frühen Zeitpunkt entschieden, ausschließlich in der Forschung tätig sein zu wollen. Von nun an verfolgten Ania Muntau und Søren Gersting gemeinsam das Ziel, Patienten mit seltenen angeborenen Stoffwechselerkrankungen neue Behandlungsmöglichkeiten zu eröffnen. Unterstützt durch das Bayerische Genomforschungsnetzwerk bauten sie das Projekt zu genetisch bedingten Störungen der Proteinfaltung auf. Zahlreiche Geräte wurden angeschafft und die Arbeitsgruppe wurde durch weitere Mediziner und Naturwissenschaftler ergänzt. Außerdem profitierte die Gruppe von der gegenseitigen Nutzung der technischen Ausstattung und dem regen Wissensaustausch mit den anderen Arbeitsgruppen im „Kubus“, dem Forschungszentrum der Universitäts-Kinderklinik der LMU.

Neben den grundlagenorientierten Forschungsprojekten wurde auch die Produktentwicklung von BH4 zur Behandlung von Patienten mit Phenylketonurie begleitet. Mithilfe eines vereinfachten Zulassungsverfahrens der EU für Medikamente zur Therapie seltener Krankheiten (orphan diseases) wurde nur 5 Jahre nach Publikation der in München durchgeführten klinischen Studie ein Medikament zur Behandlung der Phenylketonurie zugelassen. Einschränkend muss jedoch gesagt werden, dass das neue Präparat nur bei etwa 60% aller Patienten mit Phenylketonurie wirksam ist und einige der Patienten begleitend eine wenn auch gelockerte Diät weiterführen müssen. Voraussetzung für die Wirksamkeit ist eine Restfunktion des defekten Enzyms, es profitieren also hauptsächlich Patienten mit eher milden Krankheitsverläufen. Für Patienten mit schweren Formen der Erkrankung ist das Medikament leider nicht geeignet.

Um auch Menschen mit schweren Formen genetischer Erkrankungen neue Behandlungsperspektiven eröffnen zu können, wurde unter der Leitung von Dr. Søren Gersting ein Projekt zur Entwicklung innovativer Methoden des Gentransfers in die Leber aufgebaut.

Die Hypothese, dass genetische Erkrankungen häufig zu Proteinfehlfaltung, und somit zu verfrühtem Proteinabbau und Funktionsverlust führen, konnte im Rahmen der Forschungsarbeiten der letzten Jahre für die Phenylketonurie bestätigt werden. Der Verdacht lag nahe, dass diese Annahme auch auf andere Erkrankungen zutrifft. So konnte die Arbeitsgruppe für eine angeborene Störung des Fettstoffwechsels, den Medium-Chain Acyl-Coenzym A-Dehydrogenase-Mangel (MCAD), den gleichen krankheitsverursachenden Mechanismus nachweisen.

Ein weiteres Forschungsgebiet der Abteilung für Molekulare Pädiatrie ist die sogenannte Systembiologie. Diese versucht, durch Betrachtung der Interaktionsnetzwerke der regulatorischen Prozesse aller Ebenen, die Gesamtheit von Organismen zu verstehen. Im Rahmen des Bayerischen Genomforschungsnetzwerkes entstand eine Kooperation mit Professor Jürgen Haas vom Max von Pettenkofer Institut in München zur Etablierung einer neuen Methode zur Untersuchung von Protein-Interaktionen mittels Biolumineszenz Resonanz Energie Transfer. In diesem Zusamenhang gelang es, eine Technologieplattform zur Untersuchung von Protein-Interaktionen aufzubauen.

Mittlerweile beinhaltet die Arbeitsgruppe ein interdisziplinäres und internationales Team aus 27 Mitgliedern: Ärzte, Chemiker, Biologen, Pharmazeuten, Bioinformatiker und medizinisch-technische Assistenten forschen gemeinsam an den verschiedenen Projekten. An der Auswahl neuer Mitarbeiter sind stets sämtliche Gruppenmitglieder beteiligt. Neben Qualifikationen, Fachwissen und Begabung wird in besonderem Maße auf soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit und Hilfsbereitschaft geachtet. Diese Strategie hat zu einer besonders angenehmen Arbeitsatmosphäre geführt, die durch gegenseitigen Respekt, Rücksichtnahme und wechselseitige Unterstützung geprägt ist.

Das Unterrichten hat Ania Muntau schon immer große Freude bereitet. Bereits im Praktischen Jahr ihres Medizinstudiums hat sie Studentenkurse übernommen. Sie war an vielen Reformen der Lehre innerhalb des Medizinstudiums beteiligt und ist seit 2003 als Modulsprecherin des neuen Medizinischen Curriculums München, MeCuM, für sechs klinische Fächer verantwortlich. So leistete sie einen großen Beitrag dazu, die theoretische vor allem aber auch die praktische Ausbildung des medizinischen Nachwuchses zu verbessern.

Lediglich 9% der Professuren an der Ludwig-Maximillians-Universität sind von Frauen besetzt - für Ania Muntau einer der Gründe, sich für exzellente weibliche Nachwuchswissenschaftlerinnen persönlich einzusetzen. Professor Bernd Huber, Präsident der LMU München, ernannte sie für das durch die Exzellenzinitiative geförderte Mentoring-Programm LMUexcellent zur Mentorin der medizinischen Fakultät. Ania Muntau betreut in diesem Zusammenhang mehr als 30 junge Ärztinnen und Wissenschaftlerinnen, die das Ziel einer Hochschulkarriere verfolgen. Sie steht ihnen als Ansprechpartnerin zur Verfügung, berät und vernetzt sie. So hat sie die Möglichkeit, ihre (nicht nur guten) Erfahrungen an jüngere Kolleginnen weiterzugeben und sie so bei ihrer ärztlichen und wissenschaftlichen Karriere zu unterstützen. Im Oktober wurde sie anlässlich der Verleihung der Nature Awards for Mentoring in Science in Berlin von Frau Bundesministerin Dr. Annette Schavan mit einer Honorary Mention für ihr Engagement ausgezeichnet.

Ania Muntau verneint die Frage, ob es ihr schwer falle, Arbeitsgruppenleiterin zu sein. Allerdings bereitet ihr die Finanzierung von derzeit 27 Mitarbeitern und die damit verbundene Verantwortung häufig Sorgen, da die Vergabe von Fördergeldern sehr kompetitiv ist, häufig langwierig verläuft und mit hohem bürokratischem Aufwand verbunden ist. Als große Herausforderung empfindet sie auch den selbst auferlegten Anspruch der anhaltenden Innovation und kontinuierlichen Produktivität, die aus ihrer Sicht unabdingbare Voraussetzungen für den verantwortungsvollen Umgang mit Steuergeldern sind.

Die Kraft für ihre vielfältigen Aufgaben als Hochschullehrerin schöpft sie aus den täglichen Begegnungen mit Menschen, dem Austausch mit Kollegen, dem engen Kontakt zu Studenten und der Möglichkeit, diese bei auftretenden Problemen unterstützen zu können. Ihre größte Motivation besteht darin, als Wissenschaftlerin und Ärztin die grundlagenorientierte Forschung mit der direkten klinischen Anwendung verbinden zu können und auf diesem Wege gemeinsam mit ihren Mitarbeitern einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität von Patienten mit seltenen Erkrankungen, sog. orphan diseases, leisten zu können.

Dieser Bericht entstand aus der Niederschrift eines Interviews, das die Doktoranden Ilia-Sofia Koutsouraki, Marietta Truger, Philipp Guder und Daniel Pinkas im Sommer 2009 auf der Fraueninsel im Chiemsee mit Ania Muntau geführt haben.