Kräuterdrogen - die neue Gefahr
Der 16-Jährige Tom (Name geändert) ist nicht mehr bei Bewusstsein, als er auf der Intensivstation am Campus Großhadern eingeliefert wird. Seine Freunde hatten den Notarzt gerufen, als der Münchner Schüler erst nicht mehr ansprechbar war und dann das Bewusst sein verlor. Zusammen hatten sie eine Substanz geraucht, die im Internet als „Badezusatz“ verkauft wurde. Die bunten Tütchen, die „Lava Red“ oder „Bonzai“ heißen, sind seit einiger Zeit der Renner bei Jugendlichen, die sehr wohl wissen, dass sie mitnichten einen Zusatz für die Badewanne oder Raumduft für ihre Zimmer bestellt haben. Unter den Phantasienamen und den vermeintlich harmlosen Verwendungszwecken sind so genannte Kräuterdrogen im Umlauf, deren Produzenten lediglich ein gesetzliches Verbot umgehen wollen. Mit Zigarettenpapier zu einem Joint gedreht, sollen sie den totalen Rausch erzeugen. In Internetforen kursieren jedenfalls Botschaften, die den ultimativen Kick versprechen. Ein Irrtum: „Diese Substanzen enthalten meist synthetische Cannabinoide, die deutlich stärker in der Wirkung sind als natürliches Cannabis“, sagt Dr. Stephan Prückner, Oberarzt an der Klinik für Anaesthesiologie. „Man kann nur schwer sagen, wie einzelne Nutzer darauf reagieren.“
Die Folgen: Schwindel, Erbrechen, Zusammenbruch

Da Prückner auch als Notarzt in München unterwegs ist, bekommt er immer wieder Patienten gleich direkt nach dem Zusammenbruch zu sehen. „Die Zahl der Fälle hat zugenommen, das bemerkt auch die Polizei“, so Dr. Prückner.Die neuen Substanzen sind brandgefährlich, sie können neben Schwindel, Erbrechen und Bewusstseinstrübungen auch zu schweren Kreislauf- reaktionen bis hin zum kompletten Zusammenbruch führen. „Die jungen Nutzer haben keine Ahnung, was sie da kaufen, harmlos sind diese Mischungen jedenfalls nicht“, so Dr. Prückner. Auch wenn bei den Händlern im Internet Laboranalysen stehen, die anderes behaupten? „Die meisten dieser Analysen entsprechen nicht der Wahrheit, darauf sollte man sich nicht verlassen“, betont Dr. Prückner. Sogar tödlich kann das vermeintlich coole Rauchen enden, dann nämlich, wenn ein Patient sich erbricht und gleichzeitig bewusstlos wird, so kann er am eigenen Erbrochenen ersticken.
Aufklärung: Auch die Eltern sind gefragt
Noch gar nicht abzusehen sind die Langzeitfolgen des Drogenkonsums. „Wir wissen, dass besonders, wenn die Hirnentwicklung bei Heranwachsenden noch nicht abgeschlossen ist, durch Drogen das Risiko für Schizophrenien, Depressionen und Psychosen erhöht wird“, sagt Dr. Prückner. Die Konsequenz der neuen Kräuterdrogenwelle: Jugendliche sollten die Finger davon lassen, Eltern mit ihren Kindern über die gefährlichen Folgen sprechen. Für Tom ist zumindest der akute Zusammenbruch überstanden. Nachdem er wieder bei Bewusstsein war, blieb er zur Beobachtung noch einen Tag in der Klinik, dann holten ihn seine Eltern nach Hause ab. Einen Badezusatz aus dem Internet wird er wohl nicht mehr bestellen…
Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe 3/2011 unseres Patientenmagazins KLINIKUM aktuell


