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25.05.2011 13:00

125. Todestag des Psychiaters Bernhard von Gudden

Ein fortschrittlicher und auf das Patientenwohl bedachter Psychiater und seine verhängnisvolle Rolle bei der Entmündigung von König Ludwig II.

In der Behandlung von „Idioten und Cretines“, von „Blödsinnigen von Geburt“ und von „Irren und Geisteskranken“ zeigte sich der Psychiater Bernhard von Gudden ausgesprochen fortschrittlich. Insbesondere sein „no-restraint-Prinzip“, also die Vermeidung von Zwangsmaßnahmen bei Patienten, war im Deutschland des 19. Jahrhunderts revolutionär. Als Lehrstuhlinhaber der Ludwig-Maximilians-Universität und Leiter der Kreisirrenanstalt in München von 1872 bis 1886 setzte er Maßstäbe, die bis heute gelten. Exemplarisch belegen dies Auszüge  aus der Satzung aus dem Jahr 1884:

  1. „Die Krankenpflege ist ein schwerer und verantwortlicher Beruf. Wer sich ihm widmen will, muss ein Herz für die Leiden seiner Mitmenschen haben und alle Vorurteile ablegen, die noch gegen Geisteskranke bestehen.“

  2. Wie die meisten Krankheiten ohne Verschuldung sich einstellen, so kann auch die Geisteskrankheit den besten, ruhigsten und verständigsten Menschen befallen…..“

  3. „…keinem Geisteskranken ist es zuzurechnen, was er tut oder unterlässt. Selbst wenn er noch so bösartig erscheint und seine Umgebung noch so sehr und vielleicht sogar mit Überlegung und Absicht reizt und quält, so ist es der Zwang der Krankheit, dem er unterliegt…..“

  4. „Nicht große Muskelkräfte sind es, auf die es vorzugsweise bei der Pflege Geisteskranker ankommt. Eines einsichtsvollen, wohlwollenden und erfahrenen Pflegepersonals bedarf die Anstalt. Nur in seltensten Fällen wird es einem solchen nicht gelingen, aufgeregte Kranke durch geschickte Ablenkung zu beruhigen und Gewalttätigkeiten fernzuhalten.“

Selbst gebräuchliche Gewohnheiten wurden innerhalb der Anstalt beibehalten. So gab es den „zur damaligen Zeit durchaus üblichen Ausschank von Bier – am Tage wurden etwa 3 Hektoliter ausgegeben.“

Als in Bayern bei König Ludwig II. seit Beginn der 1880er Jahre Zweifel an dessen psychischer Gesundheit und schließlich an seiner Regierungsfähigkeit aufkamen, wurde von Gudden vom bayerischen Ministerrat im März 1886 mit der Erstattung eines Gutachtens über König Ludwig beauftragt. Dieses zusammen mit drei weiteren Psychiatern erstattete Gutachten war die Grundlage für die Entmündigung und Amtsenthebung König Ludwigs. von Gudden wirkte dann bei der Verbringung des Königs von Neuschwanstein nach Schloss Berg am Starnberger See mit. Dabei wuchs der anfänglich als Gutachter tätige von Gudden in die Rolle des behandelnden Arztes hinein. Der Spaziergang mit König Ludwig am 13. Juni 1886 am Ufer des Starnberger Sees hat von Gudden – offensichtlich getragen von seiner Grundüberzeugung des no-restraint-Prinzips – unternommen. Dabei hat er die bei König Ludwig II. bestehende Suizidalität unterschätzt. Diese Fehleinschätzung wurde für König Ludwig II. und Bernhard von Gudden zum tödlichen Verhängnis.

Nach dem Tod von Bernhard von Gudden war die Entwicklung der Münchner Psychiatrie vor allem durch seine Schüler und Mitarbeiter gekennzeichnet. Der später prominenteste Mitarbeiter von Guddens war Emil Kraepelin. Kraepelin gilt als Vater der modernen Psychiatrie, auf ihn geht die bis heute gültige Einteilung psychischer Störungen zurück. In der Öffentlichkeit wesentlich bekannter hingegen ist sein Mitarbeiter und Laborleiter, Alois Alzheimer. Alzheimer beschrieb erstmals 1907 auf einer Konfe-renz einen „eigenartigen schweren Erkrankungsprozess der Hirnrinde“, den Kraepelin dann in seinem Lehrbuch als Alzheimer’sche Krankheit bezeichnete. Diese Entdeckung wurde dadurch gefördert, dass Franz Nissl, ein weiterer Mitarbeiter von Guddens und später Kraepelins, mit einer von ihm entwickelten Färbemethode – Nissl-Färbung genannt – die methodischen Voraussetzungen für die mikroskopische Analyse von Gehirngewebe bereits als 24-jähriger Medizinstudent in München geschaffen hatte. Die Arbeitsgruppe von Kraepelin und Alzheimer zog viele deutsche und internationale Forscher und Gastärzte an.

Mitte des 20. Jahrhunderts kam mit der Entdeckung wichtiger Psychopharmakagruppen eine wichtige Wende in der psychiatrischen Versorgung und Therapie, die u.a. langfristig dazu führte, dass die häufig durchgeführte Unterbringung chronischer Patienten in Großkrankenhäusern, u.a. auch durch die Verbesserung psychosozialer Versorgungsstrukturen reduziert und damit die Bettenzahl dieser Großeinrichtungen verringert werden konnte. Die wichtigsten Psychopharmakagruppen, die weiterhin große Bedeutung haben, sind Antidepressiva, Antipsychotika, Anxiolytika, Phasenprophylaktika, Antidementiva. Das erste dieser synthetischen Medikamente war das Chlorpromazin, ein Antipsychotikum.

 

Kontakt:

Prof. Dr. Norbert Müller

Stellv. Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Nußbaumstr. 7, 80336 München

Telefon: 089/5160-3397

Email: norbert.mueller@med.uni-muenchen.de

 

PDF: PM 17 / 2011

 

 

 

Bernhard von Gudden

Tafel am Eingang der Psychiatrischen Klinik in der Nussbaumstraße

Eingangsfassade der ehe- mals " Kgl. Psychiatrischen Klinik"