Startseite » Das Klinikum » Zentrale Bereiche » Pressestelle » Pressemeldungen » Abschlussbericht der Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft der Medizinischen Fakultät der LMU München zur Gentherapiestudie bei Wiskott-Aldrich-Syndrom
17.07.2017 11:00

Abschlussbericht der Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft der Medizinischen Fakultät der LMU München zur Gentherapiestudie bei Wiskott-Aldrich-Syndrom

Kein Anhaltspunkt für ein wissenschaftliches, ärztliches, rechtliches oder ethisches Fehlverhalten von Prof. Dr. med. Dr. sci. Christoph Klein

Der abschließende Bericht der Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) ist dem Klinikum der Universität München am 10. Juli 2017 vorgelegt worden. Die Untersuchung befasste sich im Auftrag des Vorstands des Klinikums der Universität München mit der von Prof. Dr. med. Dr. sci. Christoph Klein geleiteten klinischen Phase I/II-Studie mit dem Titel "Durchführbarkeit, Sicherheit und Wirksamkeit der Transplantation retroviraltransduzierter hämatopoetischer Stammzellen zur Therapie des Wiskott-Aldrich-Syndroms". Die Untersuchung ergibt keinen Anhalt für ein wissenschaftliches, ärztliches, rechtliches oder ethisches Fehlverhalten von Prof. Dr. med. Dr. sci. Christoph Klein.

Der Vorstand des Klinikums der Universität München bat mit Schreiben vom 28.04.2016 den Vorsitzenden der Kommission zur Selbstkontrolle der Wissenschaft an der Medizinischen Fakultät, die schweren Vorwürfe zu prüfen, die in einem in dem SZ-Magazin vom 22.4.2016 veröffentlichten Artikel unter dem Titel "Arzt ohne Grenzen" gegen Prof. Dr. med. Dr. sci. Christoph Klein erhoben worden waren. Die Vorwürfe stehen im Zusammenhang mit einer von Prof. Klein an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) konzipierten und unter seiner verantwortlichen Leitung im Juli 2004 dort beantragten und seit Oktober 2006 durchgeführten klinischen Phase I/II der "WAS-Gentherapie-Studie". Bei dieser experimentellen Pilotstudie handelte es sich um die erste bei Patienten/Kindern mit Wiskott-Aldrich-Syndrom (WAS) angewendete Gentransduktionsstudie. Darin wurden als molekulare Transportvehikel ("Genfähren" oder "Gen-Taxis") die zur damaligen Zeit verfügbaren sogenannten retroviralen Vektoren der ersten Generation verwendet, d. h. nicht-replikationsfähige modifizierte retrovirale Viruskonstrukte. Genfähren dieses Typs waren bereits vorher von einzelnen anderen internationalen ärztlichen Forschern im Rahmen gentherapeutischer Studien bei Kindern mit anderen angeborenen (monogenetischen) schweren Erkrankungen eingesetzt worden. Prof. Klein und Mitarbeiter waren allerdings die ersten Ärzte und Forscher, die eine Gentherapiestudie für Kinder mit WAS durchführten, sie drangen insofern in Neuland vor.

Der Untersuchungsauftrag an die Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft der Medizinischen Fakultät der LMU München umfasste die komplexe medizinisch-wissenschaftliche, ärztliche, rechtliche und ethische Thematik der WAS-Gentherapie-Studie. Die Studie wurde ab 2006 an der Medizinischen Hochschule Hannover durchgeführt und mit dem Wechsel von Prof. Klein im Jahr 2011 an die LMU übernommen. In München wurden keine neuen Studienpatienten mehr behandelt, es erfolgten nur noch Nachuntersuchungen und Folgetherapien.

Besondere Aufmerksamkeit verdient im vorliegenden Fall die ethische Risiko-Nutzen-Abwägung im Spannungsfeld zwischen dem ärztlich angestrebten Ziel des "Individualnutzens" und dem prinzipiell darüber hinaus gehenden Ziel des "Allgemeinnutzens" des medizinischen Forschers. Mit anderen Worten: Entweder mit bereits vorhandenen, wenngleich von bekannten ernsten Nebenwirkungen belasteten Behandlungsverfahren die Heilung oder Linderung des Leidens eines einzelnen Kindes anzustreben, das von einer mit höchster Wahrscheinlichkeit zum frühzeitigen Tod führenden Krankheit betroffen ist. Oder sich gleichzeitig von einer wissenschaftlich ausreichend gesicherten Ausgangsbasis und der dabei erforderlichen Respektierung und Befolgung vorhandener gesetzlicher und ethischer Regeln und Leitlinien in Neuland zu wagen und mit neuen Verfahren eine nennenswerte Verbesserung, d. h. Fortschritte der Behandlungsergebnisse nicht nur für den einzelnen, sondern generell für alle dafür in Betracht kommende Patienten zu erreichen.

Durchführung der Überprüfung

Die Prüfung sollte im Auftrag des Vorstands des Klinikums der Universität München die im Folgenden wörtlich zitierten Fragenkomplexe umfassen, die über wissenschaftliche Fragen teilweise hinausgehen und auch ärztliches Handeln und ethische Risikoabwägung bei neuen, experimentellen Therapiestudien betreffen:

  1. Sind alle in der Studie eingeschlossenen Patienten und deren Familien (Eltern) über sämtliche Risiken (insbesondere Tumorentstehung) der Studientherapie mit Genvektoren und alternative Behandlungsmöglichkeiten (Stammzell-/KM -Transplantation) aufgeklärt worden und liegen dazu von allen Einverständniserklärungen vor?
  2. Was war state-of-the-art zum Zeitpunkt der Studie? Wie war zum Zeitpunkt der Studie der state-of-the-art bei der Gentherapie, insbesondere bezogen auf die viralen Vektoren?
  3. Was wusste man über die Gefahr der Leukämie-Entstehung und wie groß war die Gefahr durch Alternativen (Stammzelltherapie)?
  4. Waren die Vorgehensweisen bei der Zulassung der Studie bei der MHH und Behörden ordnungsgemäß?
  5. Wurde die Studie bei Übernahme der Sponsorenschaft von der MHH durch das Uniklinikum ordnungsgemäß geprüft?
  6. Welche ethischen Richtlinien gab es, auf deren Grundlage eine Entscheidung für eine solche experimentelle Therapie an Kindern getroffen werden konnte/musste und welche Gremien wurden dazu eingeschaltet? (Beantwortung aller Fragen im Wortlaut im Anhang)

Die von vornherein ausdrücklich unter größtmöglicher Vertraulichkeit als ergebnisoffen und streng neutral deklarierte Untersuchung der facettenreichen Thematik durch die erweiterte Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft der Med. Fakultät der LMU erfolgte mittels einer retrospektiven Analyse umfangreicher Aktenunterlagen. Dabei waren, soweit möglich, rückblickend die für die WAS-GT-Studie relevanten Bedingungen zu berücksichtigen, welche in der Zeit der Antragstellung und ihrer Durchführung galten. Das Studium der primär bereitgestellten Akten wurde ergänzt durch eine mehrstündige eingehende Befragung von Prof. Klein in einer der Kommissionssitzungen und zusätzliche schriftliche und telefonische Nachfragen an ihn. Dazu kamen später weitere schriftliche Unterlagen, die aufgrund gutachterlicher Hinweise zusätzlich erbeten worden waren und die in die Kommissionsarbeit einbezogen wurden.

Externe Gutachten

Wie bereits eingangs erwähnt, erschien von vornherein aber auch nach intensiver Beschäftigung der Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft mit der Thematik und den Fragen im Zusammenhang mit der zuvor beschriebenen und kommentierten Klinischen Phase I/II–WAS-Gentherapie-Studie unter Leitung von Prof. Klein eine komplementäre wissenschaftliche Begutachtung durch externe Sachverständige sinnvoll. Es galt, Gutachter/Innen zu identifizieren, die über eine herausragende Expertise verfügen und die in jeder Hinsicht als unbefangen gelten und sich auch selber so einschätzen. Nachdem sie sich auf Anfrage dazu bereiterklärt hatten, wurden mit Schreiben vom 28. August 2016 zwei hochrenommierte Wissenschaftler mit der Begutachtung beauftragt. Dafür wurden ihnen die der Kommission vorliegenden zuvor beschriebenen umfangreichen schriftlichen Unterlagen zur Verfügung gestellt, bestehend aus Kopien von Dokumenten und sonstigen Papieren, die überwiegend aus der Zeit der an der MHH durchgeführten Klinischen WAS-Gentherapie-Studie stammten und der Kommission auf Aufforderung großenteils von Prof. Klein zugeleitet worden waren.

Beide Gutachter/innen sind in Deutschland und international hoch angesehene Wissenschaftler/innen. Eine Person ist Professor/in für Medizinrecht und herausragende/r Expert/in für Gesundheits- und medizinisches Berufs-Recht sowie Medizinethik. Die andere Person ist Professor/in, Arzt/Ärztin und Leiter/in einer großen Universitätsklinik mit dem Schwerpunkt Hämato-Onkologie. Beide Gutachter/innen sind an unterschiedlichen Universitäten tätig und nicht über die Identität des jeweils anderen informiert.

Fazit der Kommission

Nach eingehender Prüfung aller offenen Punkte durch die Mitglieder der Kommission sowie externer Gutachter konnte kein Anhalt gefunden werden, dass Prof. Dr. Christoph Klein ein wissenschaftliches, ärztliches, rechtliches oder ethisches Fehlverhalten vorzuwerfen sei. (siehe dazu auch die im Anhang verfügbaren Auszüge aus dem Abschlussbericht der Kommission)

Die Beurteilung presserechtlich oder journalistisch-handwerklich relevanter Aspekte des Artikels im SZ-Magazin vom 22.4.2016 mit dem Titel "Arzt ohne Grenzen" konnte und sollte nicht zu den Untersuchungsaufgaben gehören. Die von der 24. Zivilkammer des Landgerichts Hamburg in einer Verhandlung am 19.7.2016 (AZ 324 O 268/16) verkündete Bestätigung der am 20.5.2016 erlassenen Einstweiligen Verfügung auf Unterlassung mehrerer Punkte im Bericht des SZ-Magazins wurde deshalb nicht in die Untersuchung durch die Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft einbezogen.

Der Vorstand des Klinikums, dem der Ärztliche Direktor und der Dekan der Medizinischen Fakultät der LMU München angehören, die Mitglieder der Kommission sowie alle an der Studie Beteiligten bedauern den schicksalhaften Verlauf, der bei drei der zehn Studienteilnehmer zum Tode führte, zutiefst.

 

Pdf-Icon Anhang

Pdf-Icon press release english version


 

Für Rückfragen wenden Sie sich bitte an:

Philipp Kreßirer

Stabsstelle Kommunikation und Medien

Klinikum der Universität München (LMU)

Audio-Icon 089 4400 - 58071

E-Mail-Icon philipp.kressirer@med.uni-muenchen.de

 

Anmeldung zum monatlichen Newsletter