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Wie sich Kinder mit ADHS verhalten und fühlen - und wie Hilfen aussehen

Impulsiv, Unruhig, Anstrengend

31.08.2016 - Der Frankfurter Psychiater Heinrich Hoffmann beschreibt in seinem Buch "Struwwelpeter" schon im Jahr 1845 den Zappel-Philipp, der bei Tisch so unruhig ist, dass er zusammen mit dem Essen und dem Tischtuch auf dem Fußboden landet. Heute sind sich Experten sicher, dass der Zappel-Philipp an einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) litt. "Die Kernsymptome dieser Erkrankung sind Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität", sagt Prof. Dr.Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinderund Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Klinikum.

Lehrerin Anna-Lena Becker beim Unterricht Lehrerin Anna-Lena Becker beim Unterrricht in der Klinikschule

"Die betroffenen Kinder können zum Beispiel in der Schule nicht abwarten, bis sie dran sind, sondern platzen immer schon vorher los. Sie sind motorisch unruhig, ihre Füße und Hände sind ständig in Bewegung." Doch woran erkennen Eltern, ob ihr Kind einfach nur lebhaft ist oder wirklich an ADHS leidet? "Am Anfang jeder Diagnose steht das ausführliche Gespräch mit den Eltern und mit dem Kind selbst. Von einer Störung sprechen wir erst, wenn das Verhalten mindestens sechs Monate anhält und auch häufig am Tag auftritt", erklärt Schulte-Körne. Den Kinder- und Jugendpsychiater suchen viele Eltern erst auf, wenn das Kind in der Schule kurz vor dem Rauswurf steht, dabei besteht die die Störung meist schon sehr viel länger. "Wir wissen heute, dass die betroffenen Jungen und Mädchen schon im Mutterleib sehr aktiv waren und viel strampelten", so Prof. Schulte-Körne. "Auch im Kindergarten fallen viele auf, sie gelten als ‚anstrengend‘, werden zum Kindergeburtstag häufig nicht mehr eingeladen."

Wenn die Eltern endlich zum Spezialisten gehen, haben sie und ihr Kind meist schon einen langen Leidensweg hinter sich, die Väter und Mütter sind dazu schuldgeplagt. Was habe ich falsch gemacht? Wie verhalte ich mich richtig? Wie streng darf man mit einem kranken Kind sein? "Wir behandeln die Kinder und ihre Eltern", so Schulte-Körne. Meist wird auch die Schule miteinbezogen, wo die Kinder-Psychiater unter anderem erreichen, dass die Lehrer einem betroffenen Schüler auch die Möglichkeit geben, während des Unterrichts kontrolliert aufzustehen und sich zu bewegen.

Die Therapie ist immer multimodal. Sie umfasst Psychoedukation, Psychotherapie, kann aber auch die Gabe von Medikamenten beinhalten. Das Mittel der ersten Wahl ist Methylphenidat, auf das immerhin bis zu 70 Prozent der Kinder ansprechen. Falls die Substanz nicht wirkt, kommen auch Amphetamine infrage. "Viele kleine Patienten nehmen die Medikamente mehrere Jahre ein, in den Ferien können Medikamentenpausen sinnvoll sein, auf jeden Fall sollte regelmäßig der Therapieeffekt überprüft werden", sagt Prof. Schulte-Körne. Eltern tun sich jedoch oft schwer, eine Medikation ihres Kindes zu akzeptieren. "Doch für viele kleine Patienten ist es eine ungeheure Entlastung, nicht selten gelingt es erst nach erfolgreicher Wirksamkeit des Medikamentes, dass weitergehende Therapien angenommen und neue Verhaltensstrategien umgesetzt werden können", sagt Prof. Dr. Schulte-Körne. Ist das Kind in seiner Entwicklung sehr stark gefährdet, hilft eine stationäre Behandlung in der Klinik. Dort gehen die Kinder in die Klinikschule mit kleinen Klassen und einem spezialisierten Lehrerteam. Und auch für die Eltern gibt es Hilfe: Die Gruppe "Plan E – Eltern stark machen". Ein Projekt, bei dem in fünf Sitzungen von jeweils zwei Stunden Väter und Mütter lernen, dass auch die Eltern von anderen Kindern und Jugendlichen in der Klinik mit genau denselben Sorgen und Nöten konfrontiert sind wie sie selbst. Allerdings sind die Sitzungen keine reinen Wohlfühltreffen, sondern Arbeitsstunden, in denen die Erziehungskompetenz der Eltern gestärkt und ihre Beziehung zu ihren kranken Kindern verbessert wird. "Wir bieten eine umfassende Betreuung der kleinen Patienten und ihrer Eltern", so Prof. Dr. Schulte-Körne. "Eine Besserung erreichen wir eigentlich immer."

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