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KLINIKUM aktuell sprach mit Prof. Dr. Werner Hartwig

Organe, die entbehrlich sind

Körpermodell Grafik: fotolia / Sebastian Kaulitzki
Gallenblase

Pferde, Giraffen, Faultiere und Ratten haben keine Gallenblase, der Mensch hingegen schon, obwohl er auch ohne sie auskommen könnte. Als ungefähr acht Zentimeter langer Sack hängt die Gallenblase an der Unterseite der Leber und ist ein Speicher für die vom Organ produzierte Galle. Ein Vorrat an Gallenflüssigkeit ist ein Relikt aus der Steinzeit: „Der prähistorische Mensch aß, da die Jagd nicht immer erfolgreich war, meist eine größere Portion Fleisch auf einmal. Und um diese ungewohnt üppige Nahrung verdauen zu können, benötigte er viel Gallenflüssigkeit, die dafür in der Gallenblase gespeichert war. Heute essen wir alle regelmäßig, und da reicht zur Verdauung der Gallenfluss direkt aus der Leber“, erklärt Prof. Dr. Werner Hartwig, Leitender Oberarzt der Klinik für Allgemeine, Viszeral-, Transplantations-, Gefäß- und Thoraxchirurgie am Campus Großhadern. So kann bei Entzündungen oder Steinen in der Gallenblase diese problemlos entfernt werden – ohne Folgen für die Verdauung.

 

Nicht das einzige Organ, auf das wir verzichten können! Die Milz ist zwar wichtig, aber nicht lebensnotwendig. Sie spielt eine große Rolle bei der Immunabwehr. Warum wird sie dann überhaupt entfernt? „Bei Unfällen im Straßenverkehr oder beim Sport kann die Milz reißen, und es kommt zu schweren Blutungen“, erklärt Prof. Dr. Hartwig. „Je nach Schwere des Risses entscheiden sich die Chirurgen dann, das Organ komplett zu entfernen.“ Mit welchen Folgen? „Patienten ohne Milz sind anfälliger für bestimmte Infektionen“, so Hartwig. „Deswegen müssen sie dann gegen Erreger wie Hib (Haemophilus influenzae Typ b), Pneumokokken oder Meningokokken geimpft werden.

 

Tabletten ersetzen die Schilddrüse

Schilddrüse

Der Mensch überlebt nicht nur ohne Gallenblase und Milz, sondern auch ohne Schilddrüse. Das kleine, schmetterlingsförmige Organ bildet Hormone, die für die Aktivität fast aller Organe notwendig sind. Allerdings ist manchmal bei gut- oder bösartigen Knoten in der Schilddrüse ihre Entfernung notwendig. „Die Schilddrüsenhormone kann man medikamentös einnehmen, sofern die Hormongaben richtig dosiert sind, können die Patienten ein völlig normales Leben führen“, so Prof. Dr. Hartwig.

 

Dickdarm

Im Bauch eines Erwachsenen schlängeln sich vier bis fünf Meter Dünndarm und eineinhalb Meter Dickdarm. Ist der Blinddarm, ein Wurmfortsatz imBereich des Dickdarms, entzündet, wird er folgenlos entfernt. Aber nicht immer ist es nur ein winziges Stück. „Wir können den gesamten Dickdarm und bis zu drei Meter Dünndarm entfernen, und die Verdauung funktioniert trotzdem noch“, sagt Prof. Werner Hartwig. Nötig werden diese Eingriffe, die häufig in Schlüssellochchirurgie passieren können, u.a. wegen eines Darminfarkts, wegen Darmkrebs, Darmverengungen, Fistelbildung, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen oder Darmverschlingungen.

Magen

Entfernt werden kann auch der komplette Magen, notwendig wird das bei fortgeschrittenem Magenkrebs. „Wir formen dann aus dem Dünndarm einen kleinen Ersatzmagen“, so Prof. Dr. Hartwig. „Die meisten Patienten können danach so gut wie fast alles essen, nur bekommen ihnen kleinere und häufigere Mahlzeiten besser. Außerdem muss ihre Versorgung mit Vitaminen und Mineralien gut kontrolliert werden.“

 

Leben ohne Bauchspeicheldrüse

Bauchspeicheldrüse

Leben können Menschen auch ohne Bauchspeicheldrüse, allerdings fehlen diesen Patienten dann Pankreasenzyme (führt zu Verdauungsproblemen) und Insulin (führt zu hohem Blutzucker) – beides kann man aber medikamentös verabreichen. Nicht komplett entnehmen kann man die Leber. „Ist das Organ gesund, können wir aber zwischen 50 und 70 Prozent wegoperieren“, so Prof. Dr. Hartwig. „Innerhalb von wenigen Wochen regeneriert sich das Organ vollkommen.“ Eine Teilresektion der Leber wird zum Beispiel bei der Leberlebendspende zur Organtransplantation gemacht. „Bis auf das Herz können wir praktisch alles entfernen“, sagt der Chirurg. Umso mehr, wenn ein Organ paarweise angelegt ist, wie die Nierenoder die Lunge mit zwei Flügeln.“

 

Die OP-Techniken werden dabei immer schonender, die Schnitte kleiner, die Klinikaufenthalte kürzer. „Nicht jede neue Technik bringt jedoch unbedingt eine Verbesserung für die Patienten“, ist sich Hartwig sicher. So ist die NOTES-Chirurgie doch riskanter als ursprünglich veröffentlicht und konnte sich deshalb nicht durchsetzen. NOTES ist ein Akronym für Natural Orifice Transluminal Endoscopic Surgery (= endoskopische Operation durch natürliche Öffnungen). So wurde vor wenigen Jahren propagiert, den Blinddarm oder die Gallenblase durch die Vagina zu entfernen. „Wir wissen heute, dass da die laparoskopische Methode mit winzigen Schnitten durch die Bauchdecke doch die bessere ist“, so Hartwig.


Grafik rechts: fotolia / Alex Oakenman

Kontakt:

Prof. Dr. Werner Hartwig

Telefon 089/4400-75780

E-Mail werner.hartwig@med.unimuenchen.de

Internet Webseite der Klinik für Allgemeine, Viszeral-, Transplantations-, Gefäß- und Thoraxchirurgie

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Der Artikel ist der aktuellen Ausgabe 4/2015 unseres Patientenmagazins KLINIKUM aktuell entnommen. Das Heft steht Ihnen als PDF-Datei zum Download bereit

PDF KLINIKUM aktuell 4/2015