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Mediziner des Münchner Uniklinikums testen zwei Varianten der Herzklappen auf deren Sicherheit für Patienten

Künstliche Herzklappe – welche ist besser?

künstliche Herzklappe Aortenklappenersatz

Die sogenannte Aortenklappenstenose ist die vorherrschende Herzklappenerkrankung in westlichen Ländern: Rund vier Prozent der über 75-jährigen leiden daran. Um die Aortenklappe zu ersetzen, werden die Patienten normalerweise operiert. Viele der Senioren sind allerdings schon zu krank für einen chirurgischen Eingriff.  Seit einigen Jahren nun bieten Kardiologen und Herzchirurgen für  diese Patienten eine schonende Alternative an:

Sie schieben durch ein Gefäß in der Leiste – oder durch die Herzspitze – mit einem Katheter die neue, künstliche Herzklappe zum Herzen vor und setzen sie ein. Für die Prozedur stehen zwei Arten von Herzklappensystemen zu Verfügung. Die Klappe von System 1 wird mit einem Ballon aufgefaltet, die zweite faltet sich selbst auf. In einer wegweisenden Studie haben deutsche Kardiologen erstmals frühere Versionen beider Systeme gegeneinander getestet. Den Ergebnissen zufolge werden mit beiden Systemen ähnlich gute Ergebnisse für die Patienten erreicht“, erklärt Prof. Julinda Mehilli von der Medizinischen Klinik und Poliklinik I des Klinikums der Universität München. Allerdings ist das ballon-expandierende System von den Feinheiten her besser als das selbst-expandierende System. Die Oberärztin leitet das Katheterlabor im Münchner Universitätsklinikum Großhadern, das an der Studie maßgeblich beteiligt ist. 

Durch die Aortenklappe verlässt das sauerstoffreiche Blut das Herz und gelangt in die Hauptschlagader. Bei einer Aortenklappenstenose hat sich die Ausflussöffnung der Klappe irreversibel verengt, so dass das Blut nicht mehr richtig durchfließen kann. Die Folge: ein Blutstau, der bis in die Lunge zurückreichen kann. Je nach Schweregrad geraten die Patienten schnell in Atemnot, häufig schon bei kleinen Belastungen. So werden viele Alltagstätigkeiten unmöglich. Schwindelgefühle und Ohnmachtsanfälle können hinzukommen. Zudem wird das Herz insgesamt dauerhaft überfordert.

„Unsere Patienten sind besonders krank und oft über 80 Jahre alt“, sagt Prof. Mehilli, „und haben nur medikamentös behandelt ein hohes Risiko, an der Erkrankung zu sterben.“ Seit 2007 nun bietet ihr Team allen Betroffenen, die nicht mehr operiert werden können, die „Transkatheter-Aortenklappen-Implantation“ an. Die Vorteile dieser „TAVI“: Der Eingriff erfolgt am schlagenden Herzen, also ohne den Einsatz einer Herz-Lungenmaschine. Zudem ist zumeist keine Vollnarkose nötig. Und der Brustkorb muss nicht geöffnet werden.

Stattdessen bringen die Kardiologen einen dünnen Katheter in das Leistengefäß und gelangen damit zur Hauptschlagader und letztlich zur Aortenklappe. Die künstlichen Herzklappen sind inzwischen so klein, dass sie sich vor der TAVI sehr klein zusammenfalten lassen. So kann man sie in den engen Blutgefäßen bis zur korrekten Position am Herzen „transportieren“. Dort entfalten sie sich je nach System mit Hilfe eines Ballons oder eben selbst.

Für die Ballon-Prozedur muss das Herz mehrfach für jeweils für durchschnittlich 20 Sekunden mechanisch stillgelegt werden, „was potenziell nachteilig sein könnte“, sagt die Leitende Oberärztin. Insofern spräche dieser Umstand für das selbst-expandierende System. Doch in der neuen Studie zeigte sich: Dieses System ist bei 18 Prozent der Patienten undicht, so dass ein wenig Blut zurück ins Herz fließt. Das passiert bei nur vier Prozent der Patienten mit einem ballon-unterstützten System. Die Undichtigkeit könnte sich langfristig nachteilig auswirken. Zudem brauchen weniger Patienten nach der TAVI mit dem ballon-unterstützten System einen Herzschrittmacher – im Vergleich zu den Patienten mit dem konkurrierenden Klappentyp.

„Bis wir eine neue und bessere Version der selbst-expandieren Klappen zur Verfügung haben, wählen wir für 80 Prozent unserer Patienten das ballon-unterstützte System“, betont Julinda Mehilli. Für 20 Prozent der Betroffenen eignet sich dieses System nicht. Sie erhalten das selbst-expandierende System. Beide Systeme, erklärt die Oberärztin, „sind aber prinzipiell gut und retten Leben.“ In der Studie haben die Ärzte zwei Klappentypen getestet, die weltweit zwar noch häufig genutzt werden, aber prinzipiell schon wieder veraltet sind. Sowohl für das ballon-unterstützte als auch für das selbst-expandierende System gibt es inzwischen verbesserte Fabrikate. Prof. Mehilli betont, dass die Studie allein von den Ärzten ohne die Firmen geplant und umgesetzt wurde.

 


weiter Informationen: Medizinische Klinik I: Kathetergestützer perkutaner Aortenklappenersatz