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Neue Wege im Embryologischen Labor

Im Hormon- und Kinderwunschzentrum werden verschiedene Diagnose- und Therapieverfahren für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch angeboten und sämtliche Maßnahmen der assistierten Fortpflanzung durchgeführt. Die durch künstliche Befruchtung erfolgte Verschmelzung von Ei- und Samenzelle außerhalb des Körpers erfordert eine besondere Fürsorge der Reproduktionsmediziner. Optimale Kulturbedingungen und die richtige Auswahl können die Erfolgschancen einer In-vitro-Fertilisation (IVF) erheblich steigern. In Großhadern liegt die durchschnittliche klinische Schwangerschaftsrate pro Transfer bei  37,98 Prozent (zum Vergleich: Die bundesweite Quote im IVF-Register liegt bei 28,94 Prozent). Seit Sommer 2013 können im Labor des Hormon- und Kinderwunschzentrums am Campus Großhadern die ersten fünf Tage der Embryonalentwicklung per Kamera überwacht werden.  Während das konventionelle Monitoring der Embryonalentwicklung mit Momentaufnahmen unter dem Mikroskop arbeitet, bietet das hochmoderne Kultursystem Einblick in das gesamte Stadium der Entwicklung – von der Zellkultur bis zur Transferreife des Embryos.

Bitte nicht stören: Optimale Kulturbedingungen

Das Embryoscope™, so der Name des High-Tech-Geräts, bietet Platz für jeweils 12 Embryonen von sechs Patientinnen. Alle 15 Minuten wird automatisch von jedem Embryo im Inkubator ein Bild gemacht, die integrierte Infrarot-Kamera nutzt hierfür Vergrößerungslinsen. Die Fotos werden vom Computersystem zu einem Zeitraffervideo ("time-laps imaging") zusammengesetzt. Durch direkte Verbindung mit einem Computer  kann die Embryonalentwicklung überwacht werden, ohne den Inkubator zu öffnen ("remote control"). Das bietet mehrere Vorteile: Temperatur, Gaskonzentration und pH-Wert können dauerhaft optimiert und konstant gehalten werden – dabei werden die Umgebungsbedingungen möglichst an die natürliche Situation im Körper angeglichen. Die Belichtung der Kamera ist für die reifenden Embryonen weniger störend als die mikroskopische Betrachtung. Aber auch der Tagesablauf der Mitarbeiter des Labors wird zeitlich flexibler, da die Embryonen zu jedem Zeitpunkt ihrer Entwicklung betrachtet werden können. 

Kontinuierliche Beobachtung der Zellentwicklung

Das kontinuierliche Monitoring der frühen Embryonalentwicklung ermöglicht eine exakte Identifikation von Embryos mit hoher Entwicklungschance. "Wir können die Dynamik der Entwicklungsphasen genau beobachten: die Vereinigung der Vorkerne, die erste Zellteilung und die Zeitdauer bis zur Blastozystenbildung sind für uns nun transparente Vorgänge. Wichtig für die Beurteilung individueller Embryonen sind die Informationen über den Charakter der Entwicklung, d.h. auch über das Auftreten von Reparaturmechanismen, Wachstumsverzögerungen oder -stillständen", sagt Dr. Viktoria von Schönfeldt, die leitende Embryologin des Hormon und Kinderwunschzentrums. "Mit Hilfe der neuen Technik können wir unsere Patienten noch präziser und anschaulicher aufklären. Es ist für Paare mit Kinderwunsch leichter zu verstehen, in welchen Embryos wir das höchste Potential zur Schwangerschaft sehen, wenn sie die qualitative Beurteilung der Ärzte im Video selbst nachvollziehen können. Ein toller Nebeneffekt für werdende Eltern ist, dass das Video natürlich auch für das Familienalbum zur Verfügung gestellt werden kann", ergänzt Prof. Thaler, Leiter des Hormon und Kinderwunschzentrums. 

Neue Ansätze für Forschung und Lehre

Der veränderte Blickwinkel auf die Embryonalentwicklung öffnet auch die Türen für neue Ansätze in der Forschung. Nachdem Ende des Jahres die Validierungsphase mit dem Embryoscope™ abgeschlossen ist, sind Studien zu den Auswirkungen verschiedener Stimulationsprotokolle auf die frühe Embryonalentwicklung in vitro in Planung. Auch die Qualität der Lehre kann mit der fortschrittlichen Technik wesentlich verbessert werden: Konnten früher nur immer wenige Medizinstudenten Zutritt in diesen sensiblen Bereich bekommen und einen Blick auf den Inkubator bzw. auf den Embryo unter dem Mikroskop werfen, so ist dank des neuen Bildmaterials eine anschauliche und moderne Lehre außerhalb des Labors möglich. "Für das Hormon- und Kinderwunschzentrum ist das Embryoscope™ ein großer Fortschritt. Wir sind die erste bayerische Uniklinik, die damit arbeitet. In München steht diese Technik in zwei privaten Kinderwunschpraxen zur Verfügung.  Die Finanzierung eines solches Gerätes ist an einem Universitätsklinikum nicht selbstverständlich, deshalb freuen wir uns umso mehr, dass die Beschaffung und Installation mit tatkräftiger Unterstützung aller Bereiche geschafft wurde", sagt Prof. Thaler.

 


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Ideale Embryonalentwicklung im Film

Film_170 Bitte klicken Sie auf das Bild oben, um das Video abzurufen.

Blick ins Embryologische Labor

Befüllung des Kultursystems
EmbryoSlides werden EmbryoScope eingeführt.
Jeder Embryo kann jederzeit am Bildschirm beobachtet werden
Auswertung der Time-lapse Aufnahmen am Computer
Die Auswahl der Embryonen für den Transfer erfolgt nach 5-tägiger Kultur.
Vor dem Embryo-Transfer in die Gebärmutter der Patientin, werden die Embryonen nochmals kurz beurteilt.