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Vorsorge

Darmkrebs: zu 100 Prozent heilbar bei rechtzeitiger Diagnose

08.08.2017 - Jedes Jahr erkranken in Deutschland mehr als 60.000 Männer und Frauen neu an Darmkrebs. Und jedes Jahr sterben in Deutschland circa 25.000 Menschen daran. Dabei wäre Darmkrebs, wenn er rechtzeitig erkannt wird, absolut heilbar. Im Gegensatz zu anderen Krebsarten entwickelt er sich nämlich aus gutartigen Vorstufen. Wie man am besten vorsorgt und wer besonders gefährdet ist, erklärt Experte Privatdozent Dr. Markus Rentsch, Leiter des Darmkrebszentrums am Klinikum der Universität München.

Warum Darmkrebsvorsorge so wichtig is und wie sie funktioniert:

Ab welchem Alter muss man sich über Darmkrebsvorsorge Gedanken machen?

Spätestens ab dem 50. Lebensjahr: Ab dann wird beim Routine-Check beim Hausarzt auch der Stuhl auf verstecktes Blut untersucht, was ein Hinweis auf Polypen oder auch einen bösartigen Tumor sein kann.

Aber Polypen sind doch gutartig?

Darmpolypen sind Schleimhautvorwölbungen, die aus der Darmschleimhaut ins Darminnere hineinragen. In fast allen Fällen handelt es sich bei ihnen um sogenannte Adenome. Diese Wucherungen sind an sich noch gutartig. Während sie wachsen, können sie sich jedoch zu Darmkrebs entwickeln. Je größer sie werden, desto mehr nimmt die Gefahr der Zell-entartung zu: Wenn sie einen Zentimeter groß sind, liegt das Risiko, dass bereits Krebszellen vorliegen, bei einem Prozent. Bei einer Größe von vier Zentimetern beträgt das Risiko schon 20 Prozent. Umso wichtiger ist die Darmspiegelung, der Fachbegriff ist Koloskopie, als Vorsorgemaßnahme. Ab dem 55. Lebensjahr wird sie von den Kassen bezahlt. Bei einem unauffälligen Befund wird als Standard erst nach zehn Jahren eine Wiederholungsuntersuchung empfohlen. Allerdings ist rund jeder dritte Darmkrebs durch eine familiäre Vorbelastung mit bedingt. Wenn dieses familiäre Risiko besteht, muss man mit der Vorsorge schon viel früher beginnen.

Was verstehen Sie unter familiärem Risiko?

Das liegt immer dann vor, wenn direkte Verwandte, also Großeltern, Eltern oder Geschwister an Darmkrebs, Darmpolypen oder auch an einem bösartigen Tumor des Magens oder der Gebärmutter erkrankt sind. Auch wenn Geschwister der Eltern oder Großeltern erkrankt sind, kann sich das persönliche Risiko erhöhen. Deshalb ist es gerade für junge Menschen wichtig, in der Familie nachzufragen. Gibt es mehrere Fälle von Darmkrebs in der Familie oder ist der Krebs vor dem Alter von 50 Jahren aufgetreten, ist das Risiko für direkte Verwandte gegenüber der Normalbevölkerung um das drei- bis vierfache erhöht.

Was geschieht mit Menschen, die dieses erhöhte Risiko haben?

Es ist heute üblich, die familiäre Belastung ab dem 35. Lebensjahr zu erfragen, z. B. durch strukturierte Fragebögen. Es gibt auch den Selbsttestfragebogen der Stiftung Lebensblicke im Internet unter www.lebensblicke.de. Wenn Verwandte ersten Grades eines Patienten Darmkrebs hatten, sollte die erste Darmspiegelung 10 Jahre vor dem Erkrankungsalter des betroffenen Verwandten erfolgen, jedoch spätestens im Alter von 50 Jahren. Wenn Verwandte ersten Grades Adenome vor dem 50. Lebensjahr hatten, gilt dasselbe.

Eine Darmspiegelung ist aber nicht gerade eine angenehme Prozedur?

Das würde ich so nicht sagen, in keinem Fall sind für die Patientinnen und Patienten dabei Schmerzen zu erwarten. Prinzipiell kann zwischen der klassischen Darmspiegelung und alternativ der virtuellen Koloskopie und unterschieden werden. Bei der klassischen, optischen Darmspiegelung wird ein Untersuchungsinstrument, das biegsame Endoskop, in den Darm eingeführt und dadurch Veränderungen sichtbar gemacht. Bei der virtuellen Koloskopie wird eine Computertomographie (CT) oder auch eine Magnetresonanztomographie (MRT) gemacht. Mit Hilfe dieser Untersuchungen werden feine Schnittbilder aus dem Körperinneren erzeugt und stellen Schicht für Schicht die Gewebestrukturen der Organe dar. Eine spezielle Computersoftware wandelt anschließend die Aufnahmen in dreidimensionale Bilder um, die auf einem Computerbildschirm betrachtet werden
können. Der Arzt sitzt vor seinem Monitor und begibt sich auf eine virtuelle Fahrt durch den Darm, dessen Innenansicht sich mit all seinen Windungen und Biegungen auf dem Bildschirm darstellt.

Zu welcher Methode würden Sie raten?

Genauso wie vor der normalen Darmspiegelung muss man auch bei der virtuellen Koloskopie den Darm vorher mit Abführmitteln komplett reinigen, um die Sicht auf die Darmwand nicht zu versperren. Die meisten Patientinnen und Patienten empfinden das als viel unangenehmer als die eigentliche Darmspiegelung, auch wenn man heute nicht mehr so viel Flüssigkeit, die nicht besonders gut schmeckt, trinken muss. Der Vorteil der konventionellen Koloskopie ist, dass man eventuell vorhandene Polypen gleich bei der Untersuchung abtragen kann. Die Untersuchung selbst spürt man nicht, weil man in einen Dämmerschlaf versetzt werden kann, aber nicht zwangsläufig muss, wenn man die Untersuchung selbst sehen möchte. Die konventionelle Darmspiegelung hat aber auch Risiken, unter anderem kann es zu Blutungen oder einer Perforation des Darmes kommen. Das kommt zum Glück nur sehr selten vor. Auf jeden Fall sollte man sich aber an ein spezialisiertes Zentrum wenden, denn je erfahrener der Untersucher ist, desto geringer ist das Risiko.

Was kann man selbst tun, um Darmkrebs zu verhindern?

Darmkrebs gilt als Wohlstandskrankheit, der eine Folge von zu reichlichem, zu fettem und zu süßem Essen ist. Und natürlich empfiehlt sich aus vielen Gründen ein gesunder Lebensstil mit wenig Alkohol, viel Bewegung, Verzicht auf Nikotin, dazu reichlich Obst und Gemüse und wenig tierische Fette. Wirklich gesichert ist durch Studien aber bisher nur, dass zu viel rotes Fleisch die Entstehung von Darmkrebs begünstigt. Deswegen sollte man keinesfalls täglich Fleisch und Wurst auf dem Speiseplan haben, sondern maximal zwei Mal pro Woche und dann auch nicht in riesigen Mengen. Aber die gute Botschaft ist auf jeden Fall: Rechtzeitig erkannt, ist Darmkrebs zu 100 Prozent heilbar.


Ansprechpartner:

PD Dr. Markus Rentsch

Leiter Darmkrebszentrum

Klinikum der Universität München

Audio-Icon 089 4400-76561 (Sekretariat Frau Heumann)

E-Mail-Icon markus.rentsch@med.uni-muenchen.de