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Geburtshilfe zwischen Aufklärung und Aufarbeitung

Eingang zur Entbindung Eingang zur Entbindung am Campus Großhadern
30.07.2014 -

In der Öffentlichkeit kursieren zum Fall der beschuldigten Hebamme Vorwürfe, das Klinikum wäre bereits über Unregelmäßigkeiten informiert gewesen. Bei der Einstellung legte die Frau ein einwandfreies Zeugnis sowie weitere Unterlagen vor, die eine hohe Qualifikation belegten. Ein Brief des vorherigen Arbeitgebers der Hebamme an den Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Klinikum der Universität München, Prof. Dr. Klaus Friese, ging zwei Monate nach Arbeitsbeginn am Klinikum ein. Darin wurde auf den möglichen missbräuchlichen Einsatz eines Medikamentes hingewiesen, das zur Kontraktion der Gebärmutter führen und Wehen auslösen kann.

 

Diese Information führte zu einem Personalgespräch der Klinikdirektion mit der Mitarbeiterin. In der Zwischenzeit arbeitete sie bereits neun Wochen am Klinikum in Großhadern ohne Auffälligkeiten. Sie war sehr engagiert und durch ihre Qualifikation auch eine geschätzte Kollegin. In den Folgemonaten gab es zudem keine Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten. Die besondere Beobachtung nach dem zeitnah geführten Personalgespräch konzentrierte sich insbesondere auf die vom vorherigen Arbeitgeber gemachten Hinweise zum missbräuchlichen Einsatz eines Wirkstoffes, der Wehen auslösen oder verstärken kann.

Die 2014 festgestellten Manipulationen in München unterscheiden sich jedoch grundlegend von denen in Bad Soden und es wurden Patientinnen/Schwangere ausgewählt, die auf Grund ihrer vorbestehenden geburtshilflichen Diagnosen ohnehin ein hohes Blutungsrisiko aufwiesen. Dadurch war es besonders schwierig, hier zunächst überhaupt einen unnatürlichen Verlauf zu erkennen. Dass die Manipulation mit Heparin aber letztlich doch so schnell festgestellt wurde, gelang nur aufgrund der interdisziplinären Expertise der Mediziner am Klinikum Großhadern. Nachdem die Fakten bei vier Fällen einen Verdacht auf Manipulation mit Heparin ergaben, erstattete das Klinikum der Universität München Anzeige gegen unbekannt, was in der Folge zur Festnahme der beschuldigten Hebamme führte. Anschließend informierten Polizei und Staatsanwaltschaft sowie das Klinikum in getrennten Pressekonferenzen über den Sachverhalt.

Inzwischen haben sich ungefähr 60 Personen über die Hotline gemeldet und Auskunft erhalten. Die Betreuung der Schwangeren und die Geburten in der Geburtshilfe am Campus Großhadern verlaufen im normalen Rahmen.

 

Hintergrund

Eine Hebamme des Klinikums Großhadern steht im Verdacht, in vier Fällen Manipulationen bei Infusionen vorgenommen zu haben, die schwangere Frauen vor der Entbindung erhalten haben. Die Frauen hatten Risikoschwangerschaften und neigten zu verstärkten Blutungen. In die Infusionen wurde Heparin beigemischt, wodurch sich die Blutungsneigung noch erheblich steigerte. In allen vier Fällen sind sowohl die Kinder wie auch die Mütter wohlauf. Die unter Verdacht stehende Hebamme befindet sich in Untersuchungshaft. Die betroffenen Frauen wurden in persönlichen Gesprächen durch die Ärzte umgehend informiert. Das Klinikum hat nach Erhalt eines wissenschaftlichen Gutachtens, das den Verdacht der Manipulation bestätigte, umgehend die Staatsanwaltschaft informiert. Die betroffene Mitarbeiterin ist freigestellt.

Die beschuldigte Hebamme arbeitet seit 2012 in der Geburtshilfe in Großhadern. Die jetzt untersuchten Fälle stammen aus dem Zeitraum April bis Juni 2014. Nach internen Untersuchungen aufgrund gehäuft aufgetretener Komplikationen bei der Entbindung von vier Risikoschwangerschaften und der Ermittlung von Laborwerten hat das Klinikum der Universität München nach Vorliegen eines Gutachtens zu den Inhaltsstoffen der Infusionslösung Anzeige gegen Unbekannt bei der Staatsanwaltschaft München gestellt. Noch am selben Tag, am 10. Juli, wurde die erste betroffene Patientin informiert, die weiteren Gespräche erfolgten am Tag darauf (11. Juli). Um die laufenden Ermittlungen nicht zu behindern, wurde in Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft und der Polizei keine Information an die Öffentlichkeit gegeben. Natürlich wurden auch sämtliche Infusionen auf weitere Manipulationen untersucht. Es wurden jedoch keine weiteren Hinweise darauf gefunden. Auch sind bei den nachfolgenden Entbindungen keine derartigen Fälle mehr aufgetreten. Als Vorsichtsmaßnahme wurden zudem die Prozesse geändert.

 

Das Klinikum der Universität München ist zutiefst betroffen über die Vorfälle und arbeitet mit den Behörden eng an einer lückenlosen Aufklärung. Sofern sich dabei neue Erkenntnisse für verbesserte Abläufe ergeben, werden diese überprüft und gegebenenfalls übernommen, wenn damit die Sicherheit und Qualität der Patientenversorgung verbessert werden kann. Den besorgte Patientinnen stehen die Ärzte für Rückfragen und weitere Untersuchungen jederzeit zur Verfügung.

 

Das Klinikum informiert die Öffentlichkeit auf einer Pressekonferenz

Auf einer Pressekonferenz informierte das Klinikum die Öffentlichkeit. Durch die Zusammenarbeit vieler Fachbereiche konnte die Ursache der Komplikationen schnell identifiziert werden. Die Experten (von rechts): Prof. Bernhard Zwißler und Dr. Lorenz Frey (Anaesthesiologie), Prof. Andreas Schulze (Neonatologie), Prof. Klaus Friese (Frauenheilkunde u. Geburtshilfe), Philipp Kreßirer (Moderation/Pressestelle), Prof. Karl-Walter Jauch (Ärztlicher Direktor und Vorsitzender des Klinikumsvorstands) und PD Dr. Uwe Hasbargen (Geburtshilfe/Perinatalzentrum)