Kombination von Strahlentherapie mit zielgerichteten Substanzen

Eine Strahlentherapie ist in vielen Situationen sehr effektiv gegenüber Tumorerkrankungen. Die aktuelle Forschung zielt daher darauf ab, mit weniger Strahlentherapiedosis die gleichen Wirkungen zur erzielen oder bei gleicher Dosis bessere Wirkungen zu erreichen.

 

Eine optimierte Dosisverteilung durch physikalische Verbesserungen ist nur begrenzt in der Lage, einen Fortschritt in der Strahlentherapie zu gewährleisten, da vielfach der Tumor und die kritischen Normalgewebe ineinander verwachsen sind.

Ein potentieller Ausweg ist es daher, nach spezifischen Schaltern in den Tumorzellen zu suchen, mit denen die Strahlenwirkung in der Tumorzelle verbessert werden kann, ohne das gesunde Gewebe zu belasten.

 

Apoptose1 Apoptose2

Linkes Bild: Der Tumor produziert seinen eigenen Wachstumsfaktor. Dadurch werden sogenannte Selbstmordprogramme, welche die Tumorzelle abtöten würden, gehemmt.

Rechtes Bild: Blockiert man den Wachstumsfaktor, so ist es wieder besser möglich, den Tumor abzutöten.

 

Die Effektivität solcher Ansätze konnte erstmalig für Tumoren der Mundhöhle nachgewiesen werden. Es konnte gezeigt werden, dass die Kombination einer Strahlentherapie mit einem Hemmstoff eines Wachstumsfaktor-Rezeptors (EGF-R) zu besseren Heilungsraten im Vergleich zur alleinigen Radiotherapie führt (Bonner et al., 2006).

Substanzen, die momentan intensiv beforscht werden, sind:

• Hemmstoffe des EGF-R wie Cetuximab oder Panitumumab

• Hemmstoffe des VEGF wie Bevazicumab

Andere Substanzgruppen sind ebenfalls in klinischer Prüfung, darunter u. a. „kleine“ molekulare Hemmstoffe (small molecules).

Auch wenn diese Substanzen zusätzliche Ansätze in der Tumorbehandlung bieten, so kann ein unkritischer Einsatz erhebliche Probleme für Patienten bewirken. Zum einen muss klar erkannt werden, dass die zielgerichteten Substanzen – auch wenn sie den Tumor spezifischer angreifen, nicht nebenwirkungsfrei sind. In einzelnen Prüfungen sind schwere Nebenwirkungen aufgetreten (Berger and Belka, 2008; Peters et al., 2008). Zum anderen kann ohne gezielte Prüfung nicht sicher ausgeschlossen werden dass solche Substanzen das Gegenteil bewirken können. Die Kombination des Wachstumsfaktors für rote Blutkörperchen (Erythropoetin – Erypo® bzw. auch besser bekannt als „EPO“) mit einer Strahlentherapie hat bei manchen Tumoren zu einer massiven Verschlechterung der Heilungsraten geführt (Henke et al., 2003; Henke et al., 2006). Ebenso ist eine Kombination aus dem Wachstumsfaktorblocker Cetuximab, einer Chemotherapie und einer gleichzeitigen Strahlentherapie möglicherweise schlechter wirksam als die normale Radiochemotherapie (Rodel et al., 2008).

Der Einsatz dieser Substanzen insbesondere in Kombination mit Strahlentherapie erfordert somit eine große Umsicht und Kompetenz.

Die Klinik für Radioonkologie der Universität München ist sehr aktiv im Bereich der Grundlagenforschung und der klinischen Prüfung solcher Ansätze. Besondere Erfahrung besteht mit den Hemmstoffen Bevazicumab und Cetuximab bei Tumoren des Gehirns oder des Kopf-Halsbereichs.

Die Klinik ist beteiligt an den folgenden nationalen und internationalen Studien, in denen molekular zielgerichtete Substanzen getestet werden:

ACCRA-HN-Studie: Multizentrische, offene Phase II-Studie zur Strahlentherapie in Kombination mit einer Chemotherapie und einer Antikörper-Therapie nach erfolgter Operation von fortgeschrittenen Karzinomen der Mund- oder Rachenhöhle

APG101 CD 002: A phase II, randomized, open-label, multi-centre study of weekly APG101 + reirradiation versus reirradiation in the treatment of patients with first or second progression of glioblastoma.

EORTC protocol 22071-24071: Chemotherapy and Radiation Therapy With or Without Panitumumab in Treating Patients Who Have Undergone Surgery for Advanced Hypopharyngeal Cancer, Oropharyngeal Cancer, Laryngeal Cancer, or Oral Cavity Cancer at High Risk of Recurrence

Glarius-Studie (ML 21965): Klinische Phase II-Studie bei neu diagnostiziertem Glioblastom, Bevacizumab in Kombination mit Irinotecan und Radiotherapie versus TMZ und Ratiotherapie.

SAKK-75/08: Radiation Therapy and Chemotherapy, With or Without Cetuximab, Followed by Surgery in Treating Patients With Locally Advanced Esophageal Cancer That Can Be Removed by Surgery

Fach-Artikel zum Thema „zielgerichtete Substanzen“, erschienen in „Der Onkologe“:

 

Weiterführende Literatur

Berger B, Belka C (2008). Severe skin reaction secondary to concomitant radiotherapy plus cetuximab. Radiat Oncol 3: 5.

Bonner JA, Harari PM, Giralt J, Azarnia N, Shin DM, Cohen RB et al (2006). Radiotherapy plus cetuximab for squamous-cell carcinoma of the head and neck. N Engl J Med 354: 567-78.

Henke M, Laszig R, Rube C, Schafer U, Haase KD, Schilcher B et al (2003). Erythropoietin to treat head and neck cancer patients with anaemia undergoing radiotherapy: randomised, double-blind, placebo-controlled trial. Lancet 362: 1255-1260.

Henke M, Mattern D, Pepe M, Bezay C, Weissenberger C, Werner M et al (2006). Do erythropoietin receptors on cancer cells explain unexpected clinical findings? Journal of Clinical Oncology 24: 4708-4713.

Peters N, Richel DJ, Verhoeff JJC, Stalpers LJA (2008). Bowel perforation after radiotherapy in a patient receiving sorafenib. Journal of Clinical Oncology 26: 2405-2406.

Rodel C, Arnold D, Hipp M, Liersch T, Dellas K, Iesalnieks I et al (2008). Phase I-II trial of cetuximab, capecitabine, oxaliplatin, and radiotherapy as preoperative treatment in rectal cancer. Int J Radiat Oncol Biol Phys 70: 1081-6.