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Der Weg zur professionellen psychiatrischen Pflege

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17. und 18. Jahrhundert

Zu dieser Zeit wurden psychisch Kranke häufig wie Kriminelle in Zucht- und Tollhäusern untergebracht und von Wärtern bewacht. 1803 errichtete man das Giesinger Tollhaus. Dort arbeiteten vier Wärter und eine Wärterin, die sich um die Reinlichkeit und Aufsicht der Kranken kümmerten. Zwangsmaßnahmen waren nur selten notwendig. Die Patienten konnten sich tagsüber frei im Haus und Garten aufhalten. Das Essen wurde von einem Oeconomen und seiner Frau nach einer Kostordnung verteilt.

19. Jahrhundert

Der Wärter-Beruf setzte sich nach Errichtung der Heil- und Pflegeanstalten über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus weiter fort. Denn in Ermangelung therapeutischer Möglichkeiten, war die Bewachung eine wichtige Aufgabe. Die Tätigkeit war jedoch mit einer hohen Personalfluktuation und kurzen Anstellungszeiten verbunden, da die Arbeit meist hart war und das Gehalt oft nicht zum Überleben reichte. Die Wärter waren zudem einem strengen Reglement durch die ärztliche Leitung der Anstalt ausgeliefert. Es gab sogar Eheverbote und Ausgangssperren für sie.

20. Jahrhundert

Mit der Jahrhundertwende wurden die Begriffe Wärter und Wärterschaft in Pfleger und Pflegschaft umgewandelt, um dem Beruf eine neue Wertigkeit zu geben. Auch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen wurde unumgänglich. Denn die Wärter formierten sich immer häufiger gegen die Umstände.

1902

wurden erste Versuche einer gewerkschaftlichen Organisation unternommen.

1903/4

Mit Eröffnung der psychiatrischen Universitätsklinik in München vertraute man die Pflege und Versorgung der Patienten den Barmherzigen Schwestern an, wie in den anderen Universitätskliniken auf dem Innenstadtgelände auch. Zusätzlich wurden männliche Pflegekräfte eingestellt, die für die männlichen und sehr unruhigen Patienten zuständig waren. Kraepelin hatte eine Haus- und eine Dienstordnung verfasst, in denen sich die Strenge und Kompromisslosigkeit des Klinikchefs widerspiegelte. Die Kündigungsfrist betrug einen Monat. Der erste Grund für eine sofortige Entlassung war unterlassener Gehorsam. Geldstrafen gab es, wenn der Ausgang zeitlich überschritten wurde oder der Pfleger-Schlafraum nach 10 Uhr noch nicht verlassen worden war. Die Arbeit der Pfleger bestand in der Bewachung, Reinigung und Verpflegung der Patienten, sowie der Instandhaltung und Säuberung der Wachsäle. Sie verteilten die wenigen damals vorhandenen Medikamente (v. a. Beruhigungs- und Schlafmittel) und beaufsichtigten die Patienten bei der Anwendung von Dauerbädern. Die Ordensschwestern kontrollierten diese Arbeiten und gaben Anweisungen. Außerdem waren die Barmherzigen Schwestern für die Küche zuständig. Unter ihrer Leitung arbeiteten Mädchen im Waschhaus, in der Näh- und Bügelstube. In den Wachsälen musste nachts jede Viertelstunde eine Stechuhr bedient werden. So konnte kontrolliert werden, ob der Pfleger tatsächlich dort war und wachte. Der Tagdienst betrug 15 Stunden von 6.00 bis 21.00 Uhr. Wegen der hohen Arbeitsbelastung durch die steigenden Aufnahmezahlen kam es zunehmend zu Spannungen zwischen der Klinikleitung und dem Pflegepersonal. Die Hauptforderung des Personals war die Verbeamtung. Kraepelin wollte jedoch nur den bewährten Pflegern diesen Vorzug gewähren. Die Einführung des 8-Stunden-Dienstes bzw. des Dreischichtenwechsels nach dem 1. Weltkrieg war Kraepelin ein Dorn im Auge. Er sah die Kontinuität der pflegerischen Betreuung dadurch in Frage gestellt. Das Verhältnis zwischen Kraepelin und dem Pflegepersonal galt als angespannt und wenig freundlich.

1917

Die pflegerische Tätigkeit erweiterte sich mit der Einführung therapeutischer Möglichkeiten erheblich. So erhielten z. B. immer mehr Patienten mit progressiver Paralyse eine Fiebertherapie. Sie bedurften besonders intensiver pflegerischer Überwachung und Zuwendung. Denn die Patienten bekamen Blut, das mit inaktivierten, aber Fieber provozierenden Erregern bestimmter Malariastämme infiziert war. Dann wartete man, dass das Fieber stieg. Diese Malariastämme wurden damals von bestimmten Labors durch nahezu ganz Europa geschickt.

1930

In diesem Jahrzehnt führte man die Elektrokrampftherapie ein. Die Überwachung der damit behandelten Patienten gehörte zu den wichtigen Aufgaben des Pflegepersonals. Die Umstände des 2. Weltkrieges erschwerten die Arbeit erheblich. Da in der Klinik ein neurologisches Lazarett eingerichtet wurde, musste sich das Pflegepersonal auch um die Versorgung von Verwundeten kümmern.

1945

Nach dem 2. Weltkrieg - damals war Prof. Georg Stertz Klinikchef - hatten die Pfleger noch eine 60-Stunden-Woche, Tagdienst von 6.00 bis 20.00 Uhr, Nachtdienst von 20.00 bis 6. 00 Uhr.

1947

Die Barmherzigen Schwestern zogen nach dem provisorischen Wiederaufbau des Ostflügels, der durch eine Bombe zerstört wurde, wieder aus dem benachbarten Mutterhaus unter das Dach der Klinik. Nach wie vor ruhte auf ihren Schultern die Hauptverantwortung der Pflege. Die  Stationsleitung lag ebenfalls weiterhin in den Händen der Ordensschwestern, die meist über die üblichen Dienstzeiten hinaus arbeiteten.
Das weltliche Pflegepersonal unterstand den Ordensschwestern und dem Oberpfleger. Die Schwestern vom Orden der Vinzentinerinnen genossen bereits zur damaligen Zeit eine zweijährige Ausbildung als Krankenschwester, die Pfleger waren immer noch angelerntes Personal. Da es kein gesondertes Reinigungspersonal gab, war Putzen eine wesentliche Aufgabe. 

Ab 1950

In diesem Jahrzehnt waren noch alle Stationen geschlossen. In der Regel durften die Patienten während ihres stationären Aufenthaltes die Klinik nicht verlassen - auch nicht in Begleitung. Sie durften lediglich in Begleitung von Pflegepersonal in die nach Geschlecht getrennten Gärten, aber auch das war streng geregelt. Pfleger bewachten die Ausgänge der Gärten. Ab Ende der 50er Jahre führte man eine fachgerechte Ausbildung für das Pflegepersonal ein und plante erste Fortbildungsveranstaltungen.

Ab 1960

Anfang dieses Jahrzehnts entspannte sich die Situation. Gut gesundete Patienten bekamen in Begleitung des Pflegepersonals Ausgang. Die nächtlichen Kontrollen mit der Stechuhr wurden auf eine halbe Stunde ausgedehnt. An den übrigen organisatorischen und den baulichen Zuständen änderte sich jedoch nichts Wesentliches. In drei Wachsälen waren bis zu 60 Betten untergebracht, die nachts zwei Pfleger bewachten. Die Patienten bekamen ihr Essen vom Pflegepersonal mundgerecht vorbereitet. So musste kein Besteck ausgeteilt werden, serviert wurde auf unzerbrechlichem Blechgeschirr. Bei der stationären Aufnahme eines Patienten bestand der erste Kontakt in der Regel mit dem Pflegepersonal. Der Patient hatte sich zunächst auszuziehen und wurde - fast wie ein Ritual - zuerst gebadet und auf gefährliche Gegenstände hin untersucht. Bekleidet waren die Patienten mit Schlafanzügen und Bademänteln, die von der Klinik gestellt wurden. Das Pflegepersonal musste kontrollieren, dass keine Patientenbriefe außer Haus gingen, ohne dass sie ein Arzt gesehen hatte. Krankenbesuche waren ohne ausdrückliche Zustimmung eines Arztes verboten. Die Therapieformen der 50er und 60er Jahre brachten mit sich, dass das Pflegepersonal intensiv in die Behandlung eingebunden wurde: Beispielsweise wurde den Patienten fünf Tage lang Quecksilber in die Haut einmassiert. Danach badete man sie und forderte sie auf, den Mund mit Wasserstoffperoxid auszuspülen. Elektrokrampftherapien wurden bei bis zu 30 Patienten nacheinander an einem Tag ohne Narkose im Bett des Wachsaals durch. Auch das mussten die Pfleger mit überwachen. Bei den Insulinkuren, die auf einer Spezialstation durchgeführt wurden, war es häufig Aufgabe der Pflegekräfte bis zu 270 Einheiten Insulin zu spritzen. Nur den langjährigen Erfahrungen der Pflegekräfte mit diesen komplizierten und nicht ungefährlichen Therapieverfahren war es zu verdanken, dass es dennoch selten zu Zwischenfällen kam. Einfachere Komplikationen meisterten sie ohne einen Arzt hinzuzuziehen. Kamen Patienten mit einer Vergiftung in die Klinik führte man  - wie heute – eine Magenspülung durch. Passierte so ein Notfall nachts, wurde ein Reservepfleger zur Entgiftung dazu geholt. Jeden Dienstag und Donnerstag verlegte man einige Patienten per Bus nach Haar. Auch diese Transporte wurden von Pflegern begleitet und beaufsichtigt. Ohne diese regelmäßigen Verlegungen wäre es in der Klinik in der Nußbaumstraße zu einer heillosen Überfüllung gekommen. Da sie nach wie vor die erste Anlaufstelle für Patienten aus der Stadt München war - den traditionellen Aufgaben des Stadtasyls entsprechend. Ende der 60er Jahre bekam der Orden der Barmherzigen Schwestern erste Nachwuchsschwierigkeiten. Deshalb wurden jetzt auch weltliche Krankenschwestern eingestellt. 

Ab 1970

Als die Klinik in den 70er Jahren bereits von Prof. Hippius geleitet wurde, definierte man den Pflegeberuf insgesamt neu: „Das Pflegepersonal brauche ich für wichtigere Dinge als fürs Putzen...“ Nach intensiver Vorbereitung kam es in Verbindung mit den psychiatrischen Kliniken rechts der Isar und dem Max-Planck-Institut für Psychiatrie zur Einrichtung der bis heute bestehenden Weiterbildungsstätte für psychiatrische Fachpflege. Zu Anfang gab es einen vierteljährigen Kurs in spezieller Psychiatriepflege, der zur Fachschwester bzw. zum -pfleger qualifizierte. Auch der Umgang mit Pharmaka veränderte sich in den 70er und 80er Jahren drastisch. Die vorher häufig über das Verfallsdatum hinaus benutzten Tabletten und Säfte wurden vernichtet, eine Übersicht und Kontrolle des aktuellen Medikamentenbestandes eingeführt. In der Führung des Pflegepersonals kam es nach dem Ausscheiden des Ordens der Vinzentinerinnnen aus der Pflegedienstleitung zu einem Wechsel. Erstmals stellte man neben dem männlichen Pflegedienstleiter, Herrn Späth, eine weltliche, weibliche Vertreterin, Frau Eichinger, ein. Das Krankenblattarchiv wurde traditionell vom Oberpfleger geführt, soweit es männliche Patienten betraf. Das weibliche Krankenblattarchiv lag in Händen der Oberin. Diese Archive wurden Ende der 70er Jahre von Prof. Hippius zusammengeführt und unter die Verwaltung von Dr. Anton Strauß gestellt. Dabei weitete man die Dokumentation der Erkrankungen, ihren Verlauf und die Therapie auch für wissenschaftliche Zwecke aus. Die Klinik führte auch das Dokumentationssystem der „Arbeitsgemeinschaft für Dokumentation in der Psychiatrie“ (AMDP) ein, zu der sich führende deutsche Kliniken zusammengeschlossen hatten.

1980

Die psychiatrische Klinik blieb von den Folgen des sogenannten Pflegenotstands in den 80er Jahren nicht völlig verschont. Obwohl hier die pflegerische Situation im Vergleich zu anderen Kliniken wesentlich besser war. Dies verdankte man der langjährigen Verbundenheit vieler Schwestern und Pflegern zur Klinik. Sie gehörten teilweise 40 Jahre und länger zum Personal. Lediglich eine Station musste vor dem Umzug in den Neubau für einige Monate geschlossen werden. Im Rahmen der Umorganisation der Innenstadtkliniken gliederte man die selbständige Nervenklinik in das Klinikum Innenstadt ein und unterstellte sie einer zentralen Verwaltung. Für das Pflegepersonal brachte diese Umstrukturierung eine Pflegedirektion mit sich, die Teil der Klinikdirektion ist. 1982 entwickelte man die Spezialstation für Suchterkrankungen und die Forschungsstationen mit den Schwerpunkten Demenzerkrankungen sowie Endokrinologie, Psychopharmakologie und Schlaf.

Ab 1990

Um den speziellen Anforderungen der vielfältigen psychiatrischen Krankheitsbilder gerecht zu werden, richtete man noch mehr Stationen nach Schwerpunkten aus. Die Spezialstationen zur Therapie von depressiven Störungen und Schizophrenie entstanden. Durch die Spezialisierung konnte das Fachpersonal als kompetentes Team spezifische therapeutische Ziel- und Maßnahmenplanungen besser umsetzen.

Die pflegerische Tätigkeit in der Psychiatrie fördert bei entsprechendem Engagement und Fähigkeiten weit über das normale Maß der herkömmlichen Krankenpflege hinaus den Therapieerfolg. Denn bei geeigneten Gruppen oder Einzelgesprächen können Pflegekräfte als Co-Therapeuten zusammen mit Ärzten und Psychologen die Entscheidungen des therapeutischen Teams mit tragen und umsetzen. Zudem garantieren Arbeitsgruppen, zahlreiche Mentoren und die hausinterne Personalschulungen die Qualitätssicherung.

 

Dr. G. Neundörfer

Literatur/Quellen:
- Engstrom, E.J. (1990): Emil Kraepelin: Leben und Werk des Psychiaters im Spannungsfeld zwischen positivistischer Wissenschaft und Irrationalität. Magisterarbeit, LMU München.
- Höll, T., Schmidt-Michel, P.-O. (1989): Irrenpflege im 19. Jh.. Die Wärterfrage. Band 44. Psychiatrie-Verlag: Bonn.
- Stertz, G. (1949): Dienstordnung. Märkl-Verlag: München