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Emil Kraepelin

Emil Kraepelin war der erste Klinikdirektor der Psychiatrischen Klinik der LMU.  Er erlangte zu Beginn des 20. Jahrhunderts weltweit Geltung in der Psychiatrie.

1856 bis 1873: Die Kinderzeit

Emil Kraepelin wurde am 15. Februar 1856 in Neustrelitz in Mecklenburg geboren. Sein Vater war Musiklehrer. Emil war das jüngste von drei Geschwistern. Zu seinem neun Jahre älteren Bruder Karl (1848 – 1915) hatte er eine besonders enge Beziehung. Karl weckte auch Emils Interesse an den Naturwissenschaften, das in seinen Kindertagen vor allem der Botanik galt. Der enge Kontakt der Brüder blieb zeitlebens bestehen. Sie reisten viel gemeinsam. Vermutlich geht Kraepelins Neigung zu Systematisierungen und Klassifizierungen in der Psychiatrie auf den Einfluss seines Bruders zurück, der Professor für Botanik wurde. Ein Freund von Emils Vater war Arzt. Unter seinem Einfluss beschloss Kraepelin bereits als Schüler, Medizin zu studieren. Nach dem Schulabschluss musste er jedoch erst eine mehrmonatige Militärdienstzeit absolvieren.

1874 bis 1877: Das Medizinstudium

Kraepelin begann im Sommersemester 1874 sein Medizinstudium in Leipzig. Nach einem Jahr wechselte er an die Universität Würzburg. Dort machte er das Physikum. Nach einem erneut in Leipzig verbrachten Semester, kehrte Kraepelin zum Wintersemester 1877/78 wieder nach Würzburg zurück. Dort hatte man ihm eine Assistentenstelle angeboten, die er Ende 1877 übernahm, obwohl er erst 1878 die Staatsprüfung ablegte.

1878: Erster Kontakt mit der Psychiatrie

Mit dem Abschluss in Medizin ging Kraepelin 1878 an die Münchener Kreisirrenanstalt zu Bernhard von Gudden. Die ersten Erfahrungen in der Psychiatrie wirkten auf den jungen Mann offensichtlich eher entmutigend. Er registrierte vor allem die völlige Ohnmacht des ärztlichen Handelns und war verunsichert über die Vielfalt der Beobachtungen, die für ihn nur ein „verwirrendes Gewimmel“, ein einziges „Gewirr der Beobachtungen“ war. Mit seinem wissenschaftlichen Interesse fand er in München schnell Anschluss an einige Mitarbeiter der Klinik, die erfolgreich auf dem Gebiet der Neuroanatomie arbeiteten, das in der von Gudden’schen Klinik im Mittelpunkt der Forschung stand.

1879 bis 1880: Neuorientierung

Während seiner Arbeit bei von Gudden musste Kraepelin von Oktober 1879 bis Mai 1880 den zweiten Teil seines Militärdiensts in Neustrelitz absolvieren. In dieser Zeit schrieb er seine erste wissenschaftliche Arbeit innerhalb von drei Wochen. Als Kraepelin wieder in München war, empfand er wohl zunehmend, dass er bei von Gudden seine eigenen wissenschaftlichen Pläne und Vorstellungen nicht verwirklichen konnte – obwohl er sehr stolz auf die wissenschaftliche Bedeutung der Klinik war und von Gudden persönlich verehrte.

1882 bis 1883: Habilitation

Kraepelin nahm im Sommer 1882 das Angebot an, Assistent an der Psychiatrischen Klinik der Universität Leipzig zu werden. Es wurde ihm zugesichert, dass er sich dort für Psychiatrie habilitieren könne. Fünf Wochen später, im Mai 1882, bekam er jedoch die Kündigung. Man weiß bis heute nicht sicher, was der Grund dafür war. Dank der Unterstützung von Wilhelm Wundt sowie des Internisten und Neurologen Wilhelm Erb in Leipzig konnte Kraepelin dennoch sein Habilitationsverfahren abschließen. Danach entschloss er sich im Herbst 1883 zurück nach München zu gehen. Bernhard von Gudden hatte ihm erneut eine Stelle angeboten.

1884 bis 1885: Familiengründung und Entscheidungsjahre

Durch die sichere Assistentenstelle bei von Gudden und die damit verbundenen Einkünfte, sah sich Kraepelin Anfang 1884 in der Lage mit 28 Jahren zu heiraten. Er hatte sich schon 1871 mit der ebenfalls aus Neustrelitz stammenden, um sieben Jahre älteren Ina Schwabe verlobt. Doch mit der Hochzeit zögerte Kraepelin dann plötzlich doch: Denn nach der Rückkehr zu von Gudden verlor er endgültig das Interesse an hirnanatomischen Studien. Er fühlte sich als „reiner Psychiater mit psychologischen Neigungen“. Im Laufe des Jahres 1884 zweifelte und überlegte er viel und entschloss sich schließlich „der akademischen Laufbahn zu entsagen und zu heiraten“. Kraepelin übernahm die Position eines Oberarztes an der Schlesischen Irrenanstalt Leubus. Am 4. Oktober 1884 fand die Hochzeit statt. Schon wenige Monate später wurde ihm die Position des dirigierenden Arztes der Irrenabteilung des Allgemeinen Krankenhauses in Dresden angeboten. Er sagte zu und trat dort im Frühjahr 1885 seinen Dienst an. Im November 1885 kam seine erste Tochter zur Welt, die wenige Stunden nach der Geburt starb.

1886 bis 1890: Autor und brillanter Wissenschaftler

Nach einem Jahr in Dresden, bekam Kraepelin im Sommer 1886 einen Ruf auf den psychiatrischen Lehrstuhl der baltischen Universität Dorpat. Er blieb dort bis 1891 Professor und gehörte dadurch bereits Ende des 19. Jahrhunderts zu den führenden deutschen Psychiatern. Privat waren die Jahre in Dorpat für das Ehepaar Kraepelin jedoch tragisch. 1887 wurde eine zweite Tochter geboren – 1888 eine dritte, die im Alter von zwei Jahren starb. Beruflich festigte Kraepelin seinen Ruf als hervorragender Kliniker und Wissenschaftler durch acht Auflagen seines Lehrbuchs „Psychiatrie", die in schneller Folge 1887, 1889, 1893, 1896, 1899 erschienen. Sie sind die Basis für Kraepelins bis in unsere Zeit hineinreichende überragende Bedeutung für die gesamte Psychiatrie. Am 9. November 1890 erreichte Kraeplin der Ruf auf den Lehrstuhl für Psychiatrie nach Heidelberg. Am gleichen Tag wurde sein erster Sohn geboren. Er starb jedoch noch, bevor die Familie 1891 nach Heidelberg zog.

1891 bis 1902: Die Heidelberger Jahre

Die Zeit in Heidelberg wurde für Kraepelin und seine Familie dann endlich eine sehr glückliche Zeit: Es wurden vier Töchter geboren.

1903 bis 1916: Rückkehr nach München

Bei seinem Entschluss, Heidelberg zu verlassen, hatte Kraepelin zunächst „das Gefühl, der Wissenschaft sein persönliches Glück zum Opfer zu bringen". Dennoch sah er dann in der zweiten Münchener Zeit seine wichtigste Lebensphase – sowohl wissenschaftlich wie privat. Er knüpfte weltweit viele Beziehungen, pflegte alte und neue Kontakte zu sehr vielen Fachkollegen. Verschiedene Mitarbeiter folgten Kraepelin 1903/1904 nach München, um dort ihre Arbeit fortzusetzen. Dazu gehörten vor allem R. Gaupp, A. Alzheimer und P. Nitsche – später u. a. Lotmar, Reiss und E. Rohde. Der von Kraepelin besonders geschätzte Rohde richtete in München das erste chemische Labor ein. Nicht nur für Kraepelin, sondern auch für seine Familie war der Wechsel nach München positiv. Denn Kraepelin hatte bei seiner Berufung durchgesetzt, dass er in einem Anbau an die neue Klinik eine großzügige Dienstwohnung bekam, genannt die „Villa". Seine wirtschaftliche Situation entwickelte sich so gut, dass er in Pallanza am italienischen Ufer des Lago Maggiore ein Haus baute. Das Grundstück hatte er bereits in seiner Heidelberger Zeit erworben. Kraepelin verbrachte die Semesterferien dort, um sich fernab der Klinik und anderen Verpflichtungen, seiner wissenschaftlichen Arbeit zu widmen. So schrieb er in dieser Zeit große Teile seines Werks in Pallanza.

1917 bis 1926: Das Max-Planck-Institut für Psychiatrie

Als Direktor der Königlich Psychiatrischen Klinik in München gründete Kraepelin die Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie - das heutige Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Nach viel Überzeugungsarbeit für seine besondere „Forschungseinheit" und durch sein unermüdliches Engagement erhielt er dafür finanzielle Unterstützung von der Industrie. Krupp, Nobelpreisträger E. Fischer, die Deutsche Chemische Industrie und die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft förderten ihn. Es wurde sein größtes, vollendetes Projekt, bevor er 1922 emeritiert wurde. Emil Kraepelin starb am 7. Oktober 1926 in München.

Heute: Kraepelins Erbe

Die aus der klinischen Anschauung und Beobachtung heraus entwickelte, immer wieder empirisch überprüfte und unter Berücksichtigung neuer Befunde und Erkenntnisse auch immer wieder geänderte Kraepelin’sche Systematik der psychiatrischen Krankheitsbilder ist unverändert gültig. Durch die weltweiten Bemühungen um die Operationalisierung der psychiatrischen Diagnostik – im Zusammenhang mit der ICD-Klassifikation (ICD-10) der WHO und den amerikanischen Diagnoseklassifikationen DSM-III und -IV) – hat die Nosographie und klassifikatorische Systematik Kraepelin’s in den letzten Jahren sogar wieder ganz besondere Bedeutung erhalten.