Munich Eating Disorder Questionnaire (Munich ED-Quest)

Der Munich ED-Quest ist ein Selbsteinschätzungsfragebogen für diagnostische Zwecke und zur Einschätzung des Symptomschweregrades bei Ess- und Fütterstörungen in der klinischen Praxis und Forschung. Er basiert auf den neuesten diagnostischen Manualen (DSM-5, ICD-10, ICD-11) und kann bei Personen zwischen 12 und 65 Jahren angewendet werden. Der Fragebogen erfasst Einstellungen und Verhaltensweisen, wie sie häufig bei Personen mit Ess- oder Fütterstörungen anzutreffen sind. Durch die Angaben im Fragebogen erhalten Kliniker diagnostische Vorschläge und eine Einschätzung des Schweregrads einer Ess- oder Fütterstörung. Den Munich ED-Quest gibt es in deutscher und englischer Sprache, er kann für klinische und Forschungszwecke kostenlos verwendet werden. Das copyright liegt bei den Autoren. Beide Sprachversionen können von dieser Seite heruntergeladen werden.

Anwendungsbereich

Der Munich ED-Quest erfasst Einstellungen und Verhaltensweisen, die häufig bei Personen mit Essstörungen auftreten. Aus den Angaben können eine Reihe von Ergebnissen erarbeitet werden:

•        Vorläufige Diagnosen (z. B. als Vorschläge zur Differentialdiagnose) von Ess- und Fütterstörungen nach DSM-5 (APA, 2013) und ICD-10 / ICD-11 in der klinischen Therapie sowie Identifikation von spezifischen Problembereichen, die in der Therapie thematisiert werden sollten. Vorteilhaft ist es, wenn der Patient den Fragebogen vor dem Erstgespräch ausfüllt, um eine zielorientierte und strukturierte Durchführung des Erstgesprächs zu unterstützen.

•        Einschätzung des Schweregrads der Essstörungssymptomatik auf drei Subskalen, die Einstellungen/kognitive Symptome, Essattacken und unangemessene gegensteuernde Maßnahmen getrennt erfassen. Der Fragebogen kann Therapie begleitend mehrfach vorgegeben werden, um den Fortschritt der Therapie zu dokumentieren (Qualitäts- und Prozesskontrolle während der Behandlung, sowie Beurteilung des Behandlungsergebnisses). Er ist auch für die Verwendung in der Forschung zum Verlauf von Essstörungen geeignet.

•        Screening von Essstörungen, z. B. bei unselektierten Stichproben epidemiologischer Bevölkerungsstudien (Studenten etc.) oder ambulanten und stationären Patienten zur Identifikation von Personen mit einem besonders hohen Risiko für Essstörungen. Dazu liegen Cut-off-Werte für die Subskalen vor, die Personen mit und ohne Essstörung differenzieren.

 

Zeitbedarf für das Ausfüllen des Munich ED-Quest

Etwa 20 Minuten.

 

Inhalt und Skalierung des Fragebogens

Der Munich ED-Quest umfasst 65 Items, die einen weiten Bereich von Symptomen gestörten Essverhaltens erfassen. Einige Items sind in Teilfragen untergliedert. Die meisten Items werden auf einer Schweregradskala von 0 (nicht vorhanden oder nie) bis 4 (sehr stark oder sehr oft vorhanden) eingeschätzt. Außerdem wird die Häufigkeit von Essattacken und gegensteuernden Maßnahmen erfasst.

Der Fragebogen erfasst den gegenwärtigen Zustand (letzte drei Monate) und den schlechtesten Zustand in der Vergangenheit von Präpubertät bis 3 Monate vor dem Ausfüllen des Fragebogens. Damit ist auch der schlechteste Zustand über die Lebenszeit („lifetime“) erfasst. Die Subskalen sind nach diesen Zeiträumen unterscheidbar.

Eine explorative Faktorenanalyse ergab drei Subskalen. Neben diesen kann ein Gesamtwert gebildet werden.

•        Beschäftigung mit Figur und Gewicht (33 Items)

•        Essattacken und Erbrechen (12 Items)

•        Unangemessene gegensteuernde Maßnahmen (15 Items)

•        Gesamtwert (60 Items)

Für diagnostische Zwecke kann auch eine Kurzform des Munich ED-Quest verwendet werden.

Auswertung

Für jede Subskala wird ein Mittelwert der aufsummierten Einzelantwort-Codes berechnet. Die Zuordnung der Items zu den jeweiligen Skalen kann dem Auswertebogen entnommen werden. Höhere Skalenwerte zeigen höhere Schweregrade an.

Folgende DSM-5 Diagnosen (APA, 2013) können mit dem Munich ED-Quest erstellt werden:

•        Anorexia nervosa (restriktiver und ‘binge-eating/purging’ Typ)

•        Bulimia nervosa

•        Binge-Eating-Störung

•        Störung mit Vermeidung oder Einschränkung der Nahrungsaufnahme
         (Kriterien A und C ohne Ausschlusskriterien)

•        Ruminationsstörung

•        Atypische Anorexia Nervosa

•        Bulimia nervosa von geringer Häufigkeit und/oder begrenzter Dauer

•        Binge-Eating-Störung von geringer Häufigkeit und/oder begrenzter Dauer

•        Purging-Störung

•        Purging-Störung nach Keel & Striegel-Moore (2009)

•        Night-Eating-Syndrom

Ein standardisierter Algorithmus zur Erstellung dieser Diagnosen liegt vor.

Der Algorithmus zur Diagnose von Essstörungen nach ICD-11 wird demnächst ergänzt.

Normen

Es liegen Vergleichswerte von 605 wegen einer Essstörung behandelten Patienten (auch separat für Anorexia nervosa und Bulimia nervosa), von klinischen Kontrollen sowie von 547 gesunden jungen Frauen vor. In ROC-Analysen (“Receiver Operating Characteristics” zur Grenzwertoptimierung) wurde für jede Subskala ein Skalenmittelwert berechnet, der Personen mit und ohne Essstörung optimal voneinander unterscheidet. Diese sind im Symptom-Profilbogen angezeigt.

Testgütekriterien

Der Munich ED-Quest wurde an 605 Männern und Frauen, die wegen einer Essstörung in der Schön Klinik Roseneck behandelt wurden, validiert. Die Durchführung, Auswertung und Interpretation ist durch Standardisierung objektiv.

Zur internen Konsistenz wurden sehr gute Werte ermittelt:

•        Beschäftigung mit Figur und Gewicht:                         α = .94 (jetzt), .98 (früher)

•        Essattacken und Erbrechen:                                     α = .97 (jetzt), .97 (früher)

•        Unangemessene gegensteuernde Maßnahmen:             α = .89 (jetzt), .93 (früher)

•        Gesamtwert:                                                         α = .94 (jetzt), .97 (früher)

Die Retest-Reliabilität lag mit Werten von mindestens .89 im sehr hohen Bereich. Vergleich von Aufnahme- und Entlassungswerten weisen auf eine sehr gute Änderungssensitivität des Munich ED-Quest hin.

Eine befriedigende bis hohe konvergente und diskriminative Konstruktvalidität des Munich ED-Quest ergab sich aus Vergleichen mit Selbsteinschätzungsskalen zu Essstörungssymptomen und zur allgemeinen Psychopathologie. Receiver Operating Characteristic-Analysen belegten die Eignung als diagnostisches Screeninginstrument. Es wurden definierte Cut-Off-Werte für alle Skalen mit positive predictive values von mindestens .90 errechnet. Der Diagnose-Algorithmus wurde durch den Vergleich mit Expertendiagnosen (SIAB-EX) bestätigt. Es ergaben sich positive predictive values von .98 bei Anorexia nervosa und .89 bei Bulimia nervosa.

 

Vorteile des Munich ED-Quest

1.       Die Erfassung eines breiten Spektrums an Essstörungssymptomen.

2.       Die Symptome werden für den Zeitpunkt des Ausfüllens (jetzt) und für die Zeit davor (früher; seit Pubertät) getrennt berichtet. Es kann auch die höchste Ausprägung über die Lebenszeit seit Pubertät berechnet werden.

3.       Testgütekriterien Reliabilität und Validität wurden in empirischen Studien bestätigt.

4.       Die Anwendung faktorenanalytischer Verfahren ergab die Identifikation bedeutsamer Bereiche der Psychopathologie bei Essstörungen.

5.       Neben der quantitativen Einschätzung des Schweregrads ergibt der Fragebogen eine solide Basis für die Diagnose einer Essstörung.

6.       Die Erstellung von Essstörungsdiagnosen nach DSM-5 und ICD-10/ICD-11 basiert auf einem standardisierten Algorithmus.

Munich ED-Quest - Referenz

Fichter, M.M., Quadflieg, N., Gierk, B., Voderholzer, U. & Heuser, J. (2015). The Munich Eating and Feeding Disorder Questionnaire (Munich ED-Quest) DSM-5/ICD-10: Validity, Reliability, Sensitivity to Change, and Norms. European Eating Disorder Review, 23, 229 – 240.

Munich ED-Quest Downloads

Der Munich ED-Quest (Fragebogen, Algorithmen, Auswertebögen und Symptomprofilbogen) steht zur Verwendung in klinischer Praxis und Forschung in deutscher und englischer Sprache als kostenloser Download zur Verfügung.

Bitte beachten Sie, dass der Munich ED-Quest für diagnostische und Forschungszwecke erstellt wurde. Dieser Fragebogen sollte nur von klinischen Experten aus Psychologie und Medizin verwendet werden. Er dient NICHT der Selbstdiagnose von Essstörungen!