Anorexia Nervosa Inventar zur Selbsteinschätzung (ANIS)

Das ANIS ist ein Fragebogen zur Selbstauskunft für diagnostische Zwecke in der klinischen Praxis und Forschung bei Personen im Alter von 12 bis 65 Jahren. Es ist zur Anwendung durch Psychologen, Ärzte, Pädagogen und anderen Fachleuten der Gesundheitsversorgung gedacht. Das ANIS erfasst mögliches abweichendes Essverhalten, insbesondere bei Anorexia nervosa und Bulimia nervosa. Es erfragt Einstellungen und Verhaltensweisen, die häufig bei Personen mit gestörtem Essverhalten anzutreffen sind und kann einer Person einzeln oder auch in Gruppen zur Beantwortung vorgelegt werden.

Das ANIS gibt es in deutscher und englischer Sprache und kann für klinische und Forschungszwecke kostenlos verwendet werden. Das copyright liegt bei Prof. Dr. Manfred Fichter. Beide Sprachversionen können von dieser Seite heruntergeladen werden.

Anwendungsbereich

•    Screening von Essstörungen, z. B. bei

o    unselektierten Stichproben epidemiologischer Bevölkerungsstudien (Studenten etc.)

o    ambulanten und stationären Patienten

•    der Beurteilung des Schweregrads bei diagnostizierten Essstörungen

•    der Evaluation der Verlaufs diagnostizierter Essstörungen

Aufgrund des fokussierten und klar strukturierten Designs des ANIS geht die Anwendung und Auswertung schnell und einfach.

Mögliche Anwendungszwecke des ANIS sind u. a. die Dokumentation des Behandlungsverlaufs, Beurteilung des Schweregrads der Essstörung bei Beginn einer Behandlung. Qualitäts- und Prozesskontrolle während der Behandlung, sowie Beurteilung des Behandlungsergebnisses.

Zeitbedarf für das Ausfüllen und Auswerten des ANIS

Etwa acht Minuten für das Ausfüllen des Fragebogens und etwa vier Minuten für die Auswertung.

Theoretischer Hintergrund des ANIS

Das ANIS basiert teilweise auf den theoretischen Konzepten von Hilde Bruch (1973) zu Störungen des Körperbilds und der Wahrnehmung proprio- und interozeptiver Reize, sowie einem alles durchdringenden Gefühls der Insuffizient bei Anorexia nervosa. Im Laufe der Konstruktion des ANIS erwies sich die Erfassung der gestörten Wahrnehmung proprio- und interozeptiver Reize als in einem Fragebogen nicht erfassbar. Die beiden anderen Konzepte Hilde Bruchs a) Figurbewusstsein und b) Gefühl der Insuffizienz konnten in Faktorenanalysen bestätigt werden. Das ANIS erfasst des Weiteren typische und häufig bei Anorexia nervosa anzutreffende Symptome, einschließlich Zwänge, die kompakt und auf Essverhalten bezogen erfragt werden. Das Gefühl negativer Auswirkungen des Essens findet sich bei allen Typen der Anorexia nervosa, während Essattacken den bulimischen Typ der Anorexia nervosa markieren. Beide Skalen beschreiben wesentliche Aspekte der bei Anorexia nervosa zu findenden Einstellungen und Verhaltensweisen. Fragebögen zur allgemeinen Psychopathologie berühren diese Aspekte überhaupt nicht. Des Weiteren erfasst das ANIS sexuelle Ängste und Zurückweisung intimer Kontakte.

Items und Subskalen (Skalenkonstruktion)

Aus der Literatur und klinischen Erfahrung wurden zunächst 152 mögliche Items zusammengestellt, von denen 48 von Experten als relevant und für die Selbsteinschätzung als geeignet angesehen wurden. Die Validierungsstichprobe bestand aus 101 Patientinnen mit Anorexia nervosa und 118 altersparallelisierten Frauen als Kontrollgruppe. Eine exploratorische Faktorenanalyse (mit maximum likelihood-Schätzung und Varimaxrotation ergab 6 Faktoren aus 31 Items. Die Anzahl der extrahierten Faktoren wurde nach klinischer Interpretierbarkeit, Einfachstruktur und Reproduzierbarkeit in unterschiedlichen Analysen bestimmt. Die Faktorenstruktur war in drei nach Symptomschweregrad differenzierten Gruppen mit Anorexia nervosa und bei gesunden Kontrollen stabil. Alle Item-Fatorladungen waren in allen Stichproben höher als 0,40, mit Ausnahme von Item 8 welches aus kilinischen Gründen beibehalten wurde. Die Arbeit von Rathner und Rainer (1998) bestätigte die 6-Faktoren-Lösung in einer Stichprobe von 1402 deutschsprachigen Schülerinnen und Studentinnen im Alter von 11 bis 20 Jahren in Südtirol.

Die Subskalen wurden von Fichter und Keeser (1980) veröffentlicht:

1.    Figurbewusstsein (Items 3, 6, 9, 12, 15, 19, 21, 23, 27 und 29)

2.    Überforderung (Items 2, 4, 14, 16, 20, 25 und 31)

3.    Anankasmus (Items 1, 8, 11, 13 und 30)

4.    Negative Auswirkung des Essens (Items 7, 17, 22 und 28)

5.    Sexuelle Ängste (Items 5, 18 und 26)

6.    Bulimie (Items 10 und 24)

Die Faktoren in der oben genannten Reihenfolge erklärten 10,1 %, 8,5 %, 7,1 %, 9,1 %, 5,2 % und 4,9 % der Varianz. Die gesamte Varianzerklärung betrug 44,9 %.

Die Antwortkategorien zu jedem Item sind

Trifft zu

0 = gar nicht

1 = leicht

2 = mäßig

3 = deutlich

4 = stark

5 = sehr stark

Auswertung

Aus den Items 1 to 31 kann ein Globalwert berechnet werden. Item 32 prüft die Zuverlässigkeit der Angaben. Das ANIS enthält keine invertierten Items. Die angekreuzten Werte jedes Items werden zu einem Summenwert ohne weitere Gewichtung aufaddiert. Sofern mehr als zwei Items (eines bei der Skala Bulimie) nicht beantwortet werden, sollte kein Summenwert für die entsprechende Skala berechnet werden. Ebenso sollte auf die Berechnung des Globalwerts verzichtet werden, wenn eine oder mehrere der Skalen nicht berechnet werden kann.

Normen

Für jede Skala liegen Mittelwerte mit Standardabweichungen bei Frauen mit Anorexia nervosa und gesunden Kontrollen vor (Fichter & Keeser, 1980). Für 1402 Schülerinnen und Studentinnen im Alter von 11 bis 20 Jahren liegen Mittelwerte und standard Abweichung, sowie Perzentilwerte getrennt nach Altersgruppen, Körpergewicht und Essverhalten vor (Rathner & Rainer, 1997; Rathner & Waldherrr, 2005).

Testgütekriterien

Die Objektivität der Datenerhebung, Auswertung und Interpretation ist gegeben. Cronbach’s alpha als Homogenitätsmaß betrug in verschiedenen Stichproben für den Globalwert 0,89 bis 0,94 und war in allen Skalen ausser Anankasmus höher als 0,80.

ANIS - Literatur

1.    Fichter, M.M. (1989). Instrumente zur Erfassung relevanter Symptombereiche bei Essstörungen (Anorexia-nervosa-Inventar zur Selbstbeurteilung) in Fichter, M.M. (Hrsg.) Bulimia nervosa. Enke Verlag Stuttgart 296-299

2.    Fichter, M.M. (1990). Self-Report Instruments for the assessment of relevant symptoms in eating disorders (Anorexia nervosa Inventory for self rating (Anis)) in Fichter, M.M. (Ed) Bulimia nervosa: Basic research, diagnosis and therapy. John Wiley & Sons. Chichester, UK

3.    Fichter, M., Keeser, W. (1980). Das Anorexia-nervosa-Inventar zur Selbstbeurteilung (ANIS). Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, 228, 67-89. Springer Verlag

4.    Fichter, M.M., Elton, M., Sourdi, L., Weyerer, S., Koptagel-Ilal, G. (1988). Anorexia Nervosa in Greek and Turkish Adolescents. European Archives of Psychiatry and Neurological Science. 336, 200

5.    Fichter, M.M., Quadflieg, N., Georgopoulou, E., Xepapadakos, F., Fthenakis, W.E. (2005): Time Trends in Eating Disturbances in Young Greek Migrants. International Journal of Eating Disorders, 38, 310-322

6.    Rathner, G. (1992). Aspects of the natural history of normal and disordered eating and some methodological considerations. In: W. Herzog, H.C. Deter, W. Vandereycke (Hrsg.), The Course of Eating Disorders. Long-term follow-up studies of anorexia and bulimia nervosa. Springer, Berlin Heidelberg New York, pp 273-303.

7.    Rathner, G. & Meßner, K. (1993). Detection of eating disorders in a small rural town: an epidemiological study. Psychological Medicine, 23, 175-184.

8.    Rathner, G., Rainer, B. (1998). The Factor Structure of the Anorexia Nervosa Inventory for Self-Rating in a population-based sample and derivation of a shortened form. European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience, 248, 171-179

9.    Rathner, G., Rainer, B. (1997). Normen für das Anorexia-nervosa-Inventar zur Selbstbeurteilung bei weiblichen Adoleszenten der Risikogruppe für Essstörungen. Klinische Psychologie, Psychiatrie & Psychotherapie. 45, 3, 302-318.

10.    Rathner, G., Rumpold, G. (1994). Convergent Validity of the Eating Disorder Inventory and the Anorexia Nervosa Inventory for Self-Rating in an Austrian Nonclinical Population. International Journal of Eating Disorders. 16, 4, 381-393

11.    Rathner, G. & Waldherr, K. (2005). Prozentrangnormen des ANIS. In B. Tuschen-Caffier, M. Pook & A. Hilbert (Hrsg.), Diagnostik von Essstörungen und Adipositas (S. 45-46). Göttingen: Hogrefe.

ANIS Downloads

Das ANIS (Fragebogen und Auswertebogen) steht zur Verwendung in klinischer Praxis und Forschung in deutscher und englischer Sprache als kostenloser Download zur Verfügung.

Bitte beachten Sie, dass das ANIS für diagnostische und Forschungszwecke erstellt wurde. Dieser Fragebogen sollte nur von klinischen Experten aus Psychologie und Medizin verwendet werden. Er dient NICHT der Selbstdiagnose von Essstörungen!