Tiefe Hirnstimulation bei Bewegungsstörungen

Text von PD Dr. med. Kai Bötzel Neurologische Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München November 2008

 

BEI FOLGENDEN BEWEGUNGSSTÖRUNGEN KANN DIE TIEFE HIRNSTIMULATION HELFEN:

  • Morbus Parkinson
  • Dystonie (u.a. Torticollis)
  • Tremor verschiedener Ursache
  • Tic-Erkrankung

BEI FOLGENDEN ERKRANKUNGEN KANN SIE NICHT ANGEWENDET WERDEN:

  • Spastik (z.B. nach Schlaganfall)
  • Chorea
  • Progressive supranucleäre Blickparese
  • Multi-System-Atrophie
  • atypisches Parkinson-Syndrom

WAS IST DIE TIEFE HIRNSTIMULATION?

Die Zentren im Gehirn, die die Bewegungen des Körpers steuern, sind durch Nervenbahnen miteinander verschaltet. Diese Verschaltungen sind durch die Forschung der letzten Jahrzehnte bekannt geworden. Es gibt hemmende sowie erregende Verbindungen. Ein ausgeklügeltes Gleichgewicht von Hemmung und Erregung sorgt für geordnete Bewegungsabläufe. Wenn das Gleichgewicht gestört ist, kann es zu überschießenden Bewegungen (z.B. Dystonie) oder zu verminderten Bewegungen kommen (z.B. Parkinson´sche Erkrankung). Das gestörte Gleichgewicht kann durch die Tiefe Hirnstimulation korrigiert werden. Je nach Erkrankung wird ein spezieller Zielpunkt im Gehirn ausgewählt, in den eine dünne Elektrode eingepflanzt wird. Meistens sind diese Operationen beidseitig nötig, d.h. es werden zwei Elektroden eingesetzt. Diese werden über ein Verbindungskabel (unter der Haut) mit einem kleinen Stimulator (ebenfalls unter der Haut) verbunden. Der Stimulator gibt andauernd kleine elektrische Impulse über die Elektrode ab, so dass die umliegenden Nervenzellen gehemmt werden. Es ist noch nicht ganz klar, ob nur diese Hemmung, oder auch eine Einschwingen der Nervenbahnen auf die Frequenz der Stimulation den positiven Effekt ermöglicht. Im letzteren Sinne wäre der Hirnstimulator dann tatsächlich ein "Hirnschrittmacher“.

Hirn mit Elektroden

Zwei Stimulationselektroden im Nc. subthalamicus zur Behandlung der Parkinson-Erkrankung

WIE VERLÄUFT DIE OPERATION?

Am Kopf der Patienten wird ein Zielrahmen befestigt. Dann wird eine Magnetresonanztomographie des Gehirns durchgeführt, auf der der Zielpunkt für die Elektrode(n) bestimmt wird. Nun werden die Werte berechnet, die der Neurochirurg dann an seinem Zielgerät einstellt. Durch ein kleines Bohrloch im Schädel kann nun die Sonde sicher an den Zielpunkt geführt werden. Die Parkinson-Patienten und die Tremor-Patienten sind während der Operation bei Bewusstsein, haben aber während der Operation keine Schmerzen. Die Dystonie-Patienten werden im Klinikum Großhadern in Vollnarkose operiert. Ist die Sonde am Zielpunkt, kann bei der Parkinson- und Tremor-Erkrankung sofort festgestellt werden, ob die Symptome sich bessern. Ist das nicht der Fall, wird der Zielpunkt etwas verschoben, bis die Symptome sich durch die Probestimulation bessern. Die Operation einschließlich MRT dauert etwa 5 Stunden. Nachdem die Elektrode eingesetzt ist, wird der Stimulator im Bereich des Schlüsselbeines eingesetzt. Dies geschieht jedoch im Klinikum Großhadern in einer zweiten Operation in Vollnarkose.

Morbus Parkinson

OP möglich OP nicht sinnvoll
Diagnose Morbus Parkinson gesichert Parkinson-ähnliche Erkrankung, z.B. Progressive supranucleäre Blickparese, Multi-System-Atrophie
Medikamentöse Behandlung nicht mehr erfolgreich Ausreichende Beweglichkeit durch Medikamente erreichbar
Alter unter 70 Jahren Alter über 70 Jahren
Keine geistigen Abbauerscheinungen Gedächtnisstörungen, Verwirrtheit, Demenz

Dystonie

OP möglich OP nicht sinnvoll
generalisierte Dystonie des Kindesalters Schreibkrampf, Golfkrampf, Musikerdystonie
Dystonie des Erwachsenen mit Beteiligung des Halses oder des Schulter- oder Nackenbereiches bei erfolgloser Behandlung mit Medikamenten oder Botulinumtoxin Ausreichender Effekt von Medikamenten oder Botulinumtoxin auf die Erkrankung
Gesichtsdystonie (Blepharospasmus oder Meige-Syndrom) Dystonie nach Hirnverletzung (Infarkt, Enzephalitis)

Tremor

OP möglich OP nicht sinnvoll
Essentieller Hand- und Armtremor mit deutlicher Behinderung und mangelnder Behandelbarkeit durch Medikamente Kopftremor, posturaler Tremor, Stimmtremor
Schwerer Parkinson-Tremor  
Tremor bei Multipler Sklerose, wenn die Krankheit nicht zu weit fortgeschritten ist  

WIE SIND DIE ERFOLGE DER TIEFEN HIRNSTIMULATION?

Morbus Parkinson

Es bessert sich die Bewegungsverlangsamung, die Steifheit (Rigor) und das Zittern (Tremor). Ferner vermindert sich das Auf und Ab der Beweglichkeit, so dass die Patienten über längere Abschnitte im Tagesverlauf gut beweglich sind. Die Medikamente können meistens deutlich reduziert werden, manche Patienten benötigen für eine gewisse Zeit keine Medikamente mehr. Die Operation bringt jedoch keine Heilung. Sie kann auch nicht alle Symptome der Erkrankung bessern. So leiden manche Parkinson-Patienten unter Gleichgewichtsstörungen oder Sprechstörungen (Dysarthrie), die durch die Operation nicht gebessert werden. Auch sog. freezing-Phänomene bessern sich nicht immer vollständig.

Dystonie

Die Ergebnisse der Operationen sind in Abhängigkeit von der Art der Dystonie etwas unterschiedlich. Die besten Aussichten bestehen bei der schweren generalisierten Dystonie des Kindes- und Jugendalters. Diese Erkrankung bildet sich meisten zwischen dem 10. und 20. Lebensjahr aus und betrifft dann besonders stark die Beine. Nach der Operation können die Kinder meistens wieder selbstständig gehen und die Verkrampfung der Wirbelsäulenmuskulatur nimmt ab.Gesichtsdystonien, die entweder ohne erkennbare Ursachen auftreten (Blepharospasmus oder Meige-Syndrom) oder aber nach der Einnahme von Neuroleptika gesehen werden können (sog. Spätdyskinesien) können sich durch die Hirnstimulation deutlich bessern. In diesen Fällen, bei denen noch nicht allzu viel Erfahrung mit der Methode der Tiefen Hirnstimulation besteht, ist die individuelle Beratung besonders wichtig.

Tremor

Der essentielle Tremor kann mit der Tiefen Hirnstimulation meistens komplett zum Stillstand gebracht werden. Auch der Parkinson-Tremor reagiert exzellent auf die Stimulation, allerdings benötigen Patienten mit Parkinson-Tremor meistens nach der Operation eine weitere Einnahme der Medikamente, um den Tremor ganz zu stoppen. Der Tremor bei Multipler Sklerose kann bei manchen Patienten recht gut gebessert werden. Allerdings hält die Besserung meistens nur ca. ein Jahr an, danach hilft bei vielen Patienten die Hirnstimulation nicht mehr.

Tic-Erkrankung

Erst seit wenigen Jahren wird die Tiefe Hirnstimulation bei schwerer Tic-Erkrankung (Gilles da la Tourette-Syndrom) eingesetzt. Noch ist nicht beurteilbar, wie hoch die Erfolgsrate ist.

 

WIE LANGE WIRKT DIE HIRNSTIMULATION? WIE LANGE HÄLT DER STIMULATOR?

Nach 3-5 Jahren muss der Stimulator ausgewechselt werden, weil die Batterie erschöpft ist. Diese Operation erfordert einen Krankenhausaufenthalt von wenigen Tagen. Die Elektroden im Gehirn werden dabei nicht ausgewechselt. Die Stimulation verliert im Laufe der Jahre nicht ihre Wirksamkeit (Ausnahme: Tremor bei Multipler Sklerose). Allerdings kann die Erkrankung fortschreiten und es können Störungen hinzukommen, die durch die Stimulation nicht gebessert werden (z.B. Sprechstörung bei der Parkinson-Erkrankung).

 

MIT WELCHEN NEBENWIRKUNGEN MUSS GERECHNET WERDEN?

Während der Operation kann es zu Blutungen im Gehirn kommen, die unterschiedliche Folgen haben können. Es muss mit einem Blutungsrisiko von 1-2% gerechnet werden. Nach der Operation kann in sehr seltenen Fällen eine Vereiterung der Kabel oder des Stimulators eintreten. Dann müssen diese Kabel entfernt werden und der Patient muss stationär mit Antibiotika behandelt werden. Während der Stimulation traten bei einigen Patienten leichte Sprechstörungen auf.

 

OPERATIONEN IM KLINIKUM GROSSHADERN

Von 1997 bis Ende 2008 sind im Klinikum Großhadern über 180 Patienten operiert worden, die Stimulationselektroden (meist beidseitig) erhalten haben. Die Operationen werden von Dr. Mehrkens und seinem Team (Neurochirurgische Klinik) durchgeführt. Die Patienten werden in der Regel von der Neurologischen Klinik betreut, in der es eine Station für Hirnstimulation gibt und ambulante Kontrollen erfolgen (Dr. Bötzel und Team). Der Aufenthalt dauert meistens etwa 3 Wochen.

 

ANMELDUNG

Alle Patienten sollen vor einer Vorstellung im Klinikum Großhadern ihren Neurologen konsultieren. Der veranlasst eine Überweisung in die Neurologische Klinik im Klinikum Großhadern zur Beratung. Die Anmeldenummer für ambulante Patienten ist 089/7095-3690.

 

LINKS IM INTERNET

http://www.parkinson-web.de/content/behandlung/neurochirurgische_therapie/tiefe_hirnstimulation/index_ger.html

 

 
 

Anschrift

Neurologische Klinik und Poliklinik & Deutsches Schwindel- und Gleichgewichtszentrum IFB
Ludwig-Maximilians-Universität München, Klinikum Großhadern, Marchioninistraße 15
D-81377 München

Direktorin:
Univ.Prof. Dr. med. Marianne Dieterich, FANA
direktion.neurologie
(at)med.uni-muenchen.de

Telefonzentrale
Tel. (089) 7095-0

 

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