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Detaillierte Stellungnahme zu den Vorwürfen

25.04.2016 -

Der Artikel im SZ-Magazin enthält viele unzutreffende und verzerrte Darstellungen, die nachfolgend im Detail erläutert werden.

 

  • Das klinische Studienprotokoll der WAS-GT Studie wurde von allen relevanten Kommissionen geprüft und genehmigt.
  • Die Eltern der WAS-Patienten wurden umfassend über die Chancen und Risiken der Therapie mit Stammzellen eines gesunden Spenders („Standardtherapie“) ebenso wie über die Chancen und alle Risiken der Therapie mit genetisch-korrigierten eigenen Stammzellen, insbesondere das Risiko einer Leukämieentstehung, aufgeklärt. Gegenteilige Behauptungen sind unzutreffend.
  • Keinem Patienten wurde eine zum damaligen Zeitpunkt anerkannte "Standardtherapie" vorenthalten.
  • Zu der Zeit, als die in der Berichterstattung des SZ-Magazins aufgegriffenen Behandlungen durchgeführt wurden, zeigte die Behandlung des WAS durch die Transplantation von HLA-identen gesunden Familienspendern deutlich bessere Langzeitergebnisse als die Transplantation von Stammzellen nicht-verwandter Fremdspender. Eine Transplantation von nicht HLA-identen gesunden Stammzellen war zwar  bereits grundsätzlich möglich, aber mit deutlich höheren negativen Nebenwirkungen verbunden. Die Eltern wurden über diese risikoreiche Alternativbehandlung aufgeklärt.  Sie entschieden sich dagegen. Patienten, bei denen ein HLA-identer Familienspender zur Verfügung stand, wurden nicht in die experimentelle Gentherapiestudie aufgenommen.
  • Der Bericht erwähnt die Verwendung von Insulin, um Stammzellen aus dem Knochenmark freizusetzen. Das ist nicht korrekt.
  • Das SZ Magazin beruft sich indirekt auf die Meinung von Experten, dass angesichts der Leukämiefälle in einer Pariser und Londoner Gentherapiestudie zur Behandlung einer anderen Immundefekterkrankung (SCID-X1) der Einsatz der in der WAS-GT Studie verwendeten Retroviren obsolet geworden sei. Die WAS-GT Studie nutzte ebenso wie alle anderen Stammzellgentherapiestudien jener Epoche einen sogenannten retroviralen Vektor der ersten Generation. Diese sogenannte Experten-Meinung muss allerdings vor dem Hintergrund der Tatsache beleuchtet werden, dass nicht alle Stammzell-Gentherapiestudien zu Leukämien bei den behandelten Kindern führten. Angesichts der Verschiedenheit der Erkrankungen ließen sich also keine belastbaren Rückschlüsse von den Erfahrungen der SCID-X1 Studie auf das Risiko bei der WAS Erkrankung ziehen. In diesem Zusammenhang ist es auch von Bedeutung, dass ein retroviraler Vektor der ersten Generation (zur Behandlung der ADA-Defizienz) nach umfangreichen klinischen Prüfungen im März 2016 als orphan drug zugelassen wurde und nun zur „Standardtherapie“ der SCID-ADA Patienten zählt.
  • Die experimentelle Gentherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) war bei neun von zehn behandelten Kindern zunächst erfolgreich. Einige Jahre nach der Gentherapie entwickelten acht der neun erfolgreich behandelten Kinder als Nebenwirkung der Gentherapie eine Leukämie. Die betroffenen Kinder wurden nach den zu diesem Zeitpunkt etablierten Therapieschemata für diese Erkrankungen behandelt, dazu gehörte auch eine risikobehaftete Stammzelltransplantationen von Fremdspendern, die weniger gut zum Empfänger passen.
  • Leider verstarben trotz aller Anstrengungen drei der acht Kinder an den Folgen der Leukämie oder der Blutstammzelltransplantation.

 

Im Blick auf eine ethische Bewertung sind folgende Informationen hilfreich:

 

Das Wiskott-Aldrich-Syndrom (WAS) ist eine schwere und lebensbedrohliche Erkrankung des Immunsystems. Viele Kinder weltweit haben keinen Zugang zu einer lebensrettenden Behandlung und sterben immer noch früh an dieser Erkrankung. In Europa kann das WAS zwar durch die Transplantation von gesunden Blutstammzellen eines gesunden Spenders (aus der Familie oder eines Fremdspenders) erfolgreich behandelt werden, doch eine Blutstammzelltransplantation ist auch heute noch mit erheblichen Risiken und Nebenwirkungen assoziiert. Noch zwischen ca. 1995 und 2005 starben 5-50% aller Kinder mit WAS nach der Transplantation Stammzellen eines gesunden Spenders (abhängig von verschiedenen Faktoren wie z.B. Alter der Patienten und der HLA-Kompatibilität von Spender und Empfänger).

Engagierte Kinderärzte versuchen seit Jahrzehnten, gegen lebensgefährliche Erkrankungen anzugehen und heilende Therapien zu entwickeln. Gerade die Geschichte der Kinderhämatologie und -onkologie zeigt beispielhaft den Erfolg dieses wissenschaftlichen Engagements: Vor 60 Jahren waren alle Kinder mit Blutkrebs noch zu einem frühen Tode verurteilt, weil die Leukämie-Erkrankungen nicht heilbar waren. Durch experimentelle und kontrollierte klinische Studien, die einem strengen ethischen und wissenschaftlichen Rahmenwerk verpflichtet sind, konnte über Jahrzehnte erreicht werden, dass heute vier von fünf Kindern mit einer Krebserkrankung dauerhaft geheilt werden können.

Auch Kinder mit seltenen genetischen Erkrankungen müssen am Fortschritt der Medizin teilhaben können. Eine Therapie, die - wie bei der WAS-Erkrankung die Transplantation von Stammzellen gesunder Spender - immer noch, je nach individuellen Parametern, mit einem hohen Maß an Komplikationen verbunden ist, ist weder für die betroffenen Familien noch für die behandelnden Ärzte hinnehmbar.

Auf der Grundlage vieler präklinischer Daten und erster klinischer Ergebnisse bei verwandten Erkrankungen gab es begründete Hoffnung, dass Kinder mit WAS durch die Transplantation von genetisch korrigierten eigenen Stammzellen geheilt werden könnten. Doch neue, experimentelle Therapien dürfen nicht einfach am Patienten "getestet" werden, zumal wenn es sich um Kinder handelt, die unter einem besonderen Schutz stehen. Aus diesem Grund gibt es in Deutschland ein Regelwerk, das die Prüfung neuer Therapien definiert. Hierzu gehört ganz wesentlich ein umfassendes und gründliches Genehmigungsverfahren durch verschiedene Institutionen wie Ethikkommissionen und Bundesbehörden. Die durch das SZ-Magazin kritisierte Studie unterliegt einer fortlaufenden Kontrolle der zuständigen Stellen, ebenso wie einer Kontrolle durch ein externes, monitorierendes Institut (Hannover Clinical Study Center).

Angesichts der hohen Rate an Leukämiefällen in der WAS-GT Studie wurde von Mitarbeitern des Paul-Ehrlich Institut zur Diskussion gestellt, ob nicht alle erfolgreich behandelten Kinder gleichsam prophylaktisch einer Transplantation von gesunden Stammzellen eines Fremdspenders unterzogen werden müssten. Dieses mögliche Szenario wurde mit den Eltern besprochen. Aus ärztlicher und ethischer Sicht gab und gibt es Argumente für und wider dieses Vorgehen. Das Risiko für die betroffenen und zu diesem Zeitpunkt beschwerdefreien Kinder wäre beträchtlich gewesen. Es wurde nach intensiver Prüfung und Diskussion gemeinsam mit den Eltern die Entscheidung getroffen, die zum damaligen Zeitpunkt gesunden Kinder nicht den hohen Risiken einer Transplantation von fremden gesunden Blutstammzellen zu unterziehen, sondern vielmehr die engmaschigen Vorsorgeuntersuchungen fortzusetzen. Kein externer Experte hat dazu aufgerufen, die Gentherapiestudie auf diese Weise abzubrechen – gegenteilige Mutmaßungen sind falsch.

Die Entscheidung, die Patienten nicht einer „prophylaktischen“ Stammzelltransplantation zu unterwerfen, entspricht dem ärztlichen Vorgehen bei anderen Erkrankungen. Sie folgt dem ethischen Nicht-Schadens-Prinzip „primum nil nocere“, das besagt, dass durch eine Behandlung keinesfalls ein gesunder Zustand beeinträchtigt werden darf.

 

Gemeinsam mit den betroffenen Familien trauern wir um jene Patienten, die an den Komplikationen ihrer Leukämie oder ihrer allogenen Stammzelltransplantation gestorben sind, ebenso wie um all jene Kinder, die immer noch an ihren unheilbaren Erkrankungen sterben müssen.

 

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