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Indikation und Interpretation

Die meisten zirkulierenden Tumormarker sind wegen der geringen diagnostischen Sensitivität und Spezifität sowie wegen des geringen "Vorhersagewertes" für das Screening asymtomatischer Personen nicht und für die Primärdiagnose nur selten geeignet.

Folgende Rechenbeispiele sollen zeigen, warum die Tumormarker für Screening-Untersuchungen asymtomatischer Personen nicht geeignet sind.

Nehmen wir an, dass der CEA-Test beim Kolonkarzinom eine diagnostische Sensitivität von 70 Prozent und eine diagnostische Spezifität von 95 Prozent besitzt. Das bedeutet einerseits, dass 30 Prozent der Tumorpatienten auch im fortgeschrittenen Stadium nicht erkannt werden und andererseits , dass bei Durchuntersuchung einer Bevölkerungsgruppe von 10000 Personen, bei denen die Erkrankung mit einer Häufigkeit von 1 Prozent auftritt, 70 Patienten mit Kolonkarzinom erfasst werden. Bei der angenommenen Spezifität von 95 Prozent würden den 70 richtig-positiven Testergebnissen allerdings 495 falsch-positive Testergebnisse gegenüberstehen (5 Prozent von 9900). Bei diesen Patienten einen Tumor auszuschließen, bedeutet für das Individuum eine erhebliche psychische Belastung und darüber hinaus für die Allgemeinheit einen erheblichen finanziellen Aufwand.

Anders liegt die Situation bei Risikogruppen oder symtomatischen Patienten, bei denen mit einer erhöhten Krankheitshäufigkeit gerechnet werden kann, wie zum Beispiel AFP bei Patienten mit Leberzirrhose, Calzitonin bei Verdacht medulläres Schilddrüsenkarzinom beziehungsweise beim familiären Vorkommen dieses Karzinoms, AFP und HCG bei Keimzelltumoren, monoklonales Immunglobulin und Bence-Jones-Protein bei Verdacht auf multiples Myelom und PSA bei über 50-jährigen Männern mit Prostataadenom.

Zur Tumorlokalisation sind alle zirkulierenden Tumormarker bis auf das prostataspezifische Antigen (PSA) und das Thyreoglobulin (hTG) wegen fehlender Tumorspezifität unbrauchbar.

Für die Prognosefindung sind nur wenige Tumormarker verwendbar wie CEA beim kolorektalen Karzinom, AFP und HCG bei Keimzelltumoren sowie Beta2-Mikroglobulin beim multiplem Myelom.

Der Hauptanwendungsbereich aller Tumormarker ist die Therapie und Verlaufskontrolle nach einer Operation oder/und unter Radio-, Chemo- und Hormontherapie. Bei der Therapie- und Verlaufskontrolle ist die Erfassung der Tumormarkerkinetik von Bedeutung und nicht die Erfassung des Einzelwerts. Die Erfassung der Tumormarkerkinetik erlaubt unter Umständen auch eine Abgrenzung gegenüber einer benignen Erkrankung; diese zeigt entweder transitorisch erhöhte oder konstant leicht pathologische Werte. Die Konzentrationsänderung der Tumormarker – auch innerhalb des sogenannten Referenzbereiches – ist zum Teil klinisch relevant.

Tumormarker können bei richtiger Bewertung in bis zu 50 Prozent der Fälle ein bis sechs Monate früher als andere diagnostische, teils invasive Verfahren auf eine Änderung des Tumorverhaltens hinweisen. Nach operativer Entfernung des Tumors stellen somit die Tumormarker eine wichtige nicht-invasive Art der Überwachung dar. Eine nach postoperativer Normalisierung (Halbwertszeit je nach Tumormarker verschieden) wieder ansteigende Tumormarkerkonzentration deutet je nach Geschwindigkeit des Anstiegs stark auf ein Lokalrezidiv beziehungsweise eine Fernmetastasierung hin.

Nach Beginn einer Chemotherapie weisen kontinuierlich abfallende Tumormarkerwerte auf Effektivität der Therapie hin; konstant bleibende oder zunehmende Tumormarkerwerte sind verdächtig im Hinblick auf ein Nicht-Ansprechen des Tumorwachstums auf die angewandte Therapie: Sie weisen auf die Notwendigkeit hin, das therapeutische Konzept zu wechseln! Es besteht eine gute Korrelation zwischen Änderung der Tumormarkerkonzentration unter Therapie und dem klinischen Zustandsbild (Remission oder Progression). Es ist jedoch zu beachten, dass es in den ersten Tagen einer Radio- und Chemotherapie oder nach einer großen Manipulation am Tumor zu einem flüchtigen Tumormarkeranstieg infolge Tumorzerfalls kommen kann.

Die notwendige Bestimmungshäufigkeit richtet sich nach der Eigenschaft des Tumors und dem Nachsorgeprogramm sowie nach einer eventuellen Änderung der Tumormarkerkonzentration.

Bei "markernegativen" großen Primärtumoren oder Fernmetastasen ist eine spätere oder posttherapeutische Marker-Positivität wenig wahrscheinlich; deshalb sind regelmäßige Kontrollen mittels Tumormarker wenig sinnvoll. Empfehlenswert ist dagegen die Verlaufskontrolle "markernegativer" kleiner Tumoren, da eine Exprimierung des Antigens bei weiterer Progression durchaus möglich ist.