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Wichtige Kenntnisse bei der Bewertung von Tumormarkerbefunden

Bei der Bewertung der Tumormarkerkonzentration beziehungsweise Tumormarkerkonzentrationsänderungen sind die Kenntnisse über die In-vivo-Einflussgrößen und In-vitro-Störgrößen von besonderer Bedeutung, und zwar nicht nur für den Laborarzt, sondern auch für den direkt betreuenden beziehungsweise für den in der Nachsorge tätigen Arzt. Die In-vivo-Einflussgrößen und In-vitro-Störgrößen sind bei einzelnen Tumormarkern unterschiedlich.

Einflussgrößen (in vivo)

Die Konzentration des Tumormarkers ist nicht nur von der Tumormarker-Expression, -Synthese, -Freisetzung und –Exkretion sowie Tumormasse und –ausbreitung abhängig, sondern auch von der Blutversorgung des Tumors, von der Körperlage des Patienten zum Zeitpunkt der Blutentnahme sowie vom Tumormarkerkatabolismus. Erhöhte Tumormarkerwerte können somit auch bei Störungen der Ausscheidung beobachtet werden, so zum Beispiel bei Patienten mit Niereninsuffizienz, Leberinsuffizienz und insbesondere bei Cholestase. Eine Cholestase - erkenntlich anhand von Gamma-GT-Werten und einem positiven Lp-X-Test - kann eine deutlich erhöhte CA-19-9-Serumkonzentration hervorrufen (bis zu 30000 U/ml).

Von den iatrogenen Einflüssen seien erwähnt: die signifikante und länger andauernde Erhöhung von PSA (prostataspezifisches Antigen) und PAP (saurer Prostata-Phosphatase) nach rektaler Untersuchung, Zystoskopie, Endoskopie, Prostatabiopsie sowie nach Katheterisierung der Harnblase, Prostatainfarkten und Urinretention.

Die Tumormarkerkonzentration kann auch durch Medikamente und Chemotherapeutika beeinflusst werden, und zwar durch deren Einfluss auf die Tumormarkerfreisetzung.

Erwähnenswert ist auch der Einfluss des Rauchens auf die CEA-Konzentration im Serum.

In Abhängigkeit vom Zigarettenkonsum können bei Nicht-Tumorkranken Rauchern CEA-Werte im Serum bis zu 10, seltener sogar bis zu 20 ng/ml vorkommen. Dieser Sachverhalt ist besonders bei der Auswahl der Referenzkollektive beziehungsweise Cut-off-Werte zu berücksichtigen, und zwar besonders bei denjenigen malignen Tumoren, die gehäuft bei Rauchern auftreten, wie zum Beispiel Bronchialkarzinomen oder Tumoren des HNO-Gebiets. Rauchgewohnheiten hingegen haben nach unseren Untersuchungen keinen Einfluss auf CYFRA 21-1 (Bronchialkarzinom) und SCC (Tumoren im HNO-Bereich).

Störgrößen (in vitro)

Von den Störgrößen sind zu nennen:

  • Lagerungsbedingungen wirken sich nach eigenen Untersuchungen besonders auf PAP-Bestimmungen aus, und zwar im Sinne einer signifikanten Abnahme. Die übrigen Tumormarker sind relativ lagerungsstabil.

  • Zeitintervall zwischen Blutabnahme und Zentrifugation des Blutes (Abseren): Ein größeres Zeitintervall von über 60 Minuten führt bei der NSE-Bestimmung nach eigenen Untersuchungen zu einem signifikanten Anstieg durch NSE-Freisetzung aus den Thrombozyten

  • Hämolyse und Ikterus: NSE-Werte können durch Hämolyse (Freisetzung aus den Erythrozyten und Thrombozyten) stark verändert werden; ebenso die PSA-Werte durch ikterische Seren (falsch-hoher Wert).

  • Hautkontakt mit den Probengefäßen: SCC-Werte werden dadurch stark beeinflusst.

  • Kontamination der Probe mit Speichel kann insbesondere bei SCC und CA 19-9, in geringerem Umfang auch bei CEA und TPS, zu einer Erhöhung der Tumormarkerkonzentration in der Probe führen.

  • Medikamenten-Interaktion: Hohe Konzentration zwei- und dreiwertiger Metallionen; ferner Purin-, Indol, Guanidin-Analoga (zum Beispiel Isosorbiddintrat/ Isoket®/ Verapamil/ Isoptin®), auch Vitamin C; Cisplatin, Mitomycin, Estradiol und Epirubicin führen nach Untersuchungen vom Oremek und Mitarbeitern zu falsch-hohen PSA-Werten.

  • Humane Anti-Maus-Ig-Antikörper (sogenannte "heterophile Antikörper", HAMA) entstehen bei Patienten, bei denen aus diagnostischen oder therapeutischen Gründen im Rahmen einer Immuntherapie Maus-Immunglobuline apliziert worden sind. Hierdurch ist es möglich, dass in Testsystemen, in denen monoklonale Maus-Antikörper verwendet werden, ein positives Signal vorgetäuscht wird. Diese heterophilen Anti-Ig-Antikörper können auch bei Patienten, die mit sogenannten "Frischzellen" behandelt worden sind, vorkommen und somit falsch-hohe Tumormarkerwerte vortäuschen. Heterophile Antikörper kommen nach intensivem Kontakt mit Tieren jedoch sehr selten auch bei Normalpersonen vor. Über die Herkunft dieser humanen Anti-Maus-Ig-Antikörper besteht zur Zeit keine Klarheit.

Methodenabhängigkeit

Es ist weiterhin wichtig, darauf hinzuweisen, dass bestimmte Tumormarkerwerte nach eigenen Untersuchungen zum Teil stark methodenabhängig sind; dies ist besonders bei CEA-, CA 19-9 und CA 72-4-Bestimmungen ausgeprägt. Mit Kits verschiedener Herstellerfirmen können im gleichen Serum völlig unterschiedliche Werte gemessen werden, sogar dann, wenn es sich im Prinzip um dieselbe Methode handelt. Auf diese Weise können Remissionen und Progressionen vorgetäuscht werden. Falsche therapeutische Konsequenzen sind dann die Folge. Aus diesem Grunde muss dem in der Tumornachsorge tätigen Arzt bekannt sein, mit welchem Kit der Marker bestimmt worden ist. Bei einem Wechsel der Methodik empfiehlt es sich eine Vor-Serumkontrolle des Patienten beziehungsweise eine vorübergehende parallele Bestimmung mit beiden Methoden!