Neuartiges Verfahren zur Behandlung der Schultereckgelenkssprengung (AC-Gelenkssprengung) mittels arthroskopischer Schlüssellochchirurgie

Bei einem Sturz auf das Schultergelenk kommt es gerade bei Sportverletzungen häufig zu einem Riss der Gelenkkapsel des Acromio-Clavicular-Gelenkes (AC-Gelenk) zwischen dem Schlüsselbein (Clavicula) und dem Schulterdach (Acromion). Dass dort ein Gelenk ist, wird einem ohne Verletzung oder Degeneration eigentlich gar nicht bewusst, da die Beweglichkeit in diesem Gelenk sehr gering ist. Dennoch stellt es die einzige knöcherne Verbindung des Oberarm-Skelettsystems mit dem restlichen Skelettsystem dar und muss daher erhebliche Belastungen abfedern. Diese Verletzung wird als Schultereckgelenkssprengung oder AC-Gelenkssprengung bezeichnet und lässt sich am besten anhand von zwei Röntgenaufnahmen erklären:
Bild AC-Gelenkssprengung   Auf dieser Röntgenaufnahme des Schultergelenkes sieht man das Gelenk zwischen Schulterdach (Acromion, gekennzeichnet mit einem Sternchen) und der seitlichen Kante des Schlüsselbeins (Pfeil). Der Abstand zwischen diesen beiden Knochen sollte im Normalfall nicht mehr als 0,5 cm betragen. Die hauptsächlichen Bandhalterungen befinden sich zwischen dem Rabenschnabelfortsatz (Processus coracoideus) - einem zusätzlichen Knochen, der unterhalb des Schulterdachs angewachsen ist - und dem Schlüsselbein. Zwischen diesen beiden Knochen verlaufen wichtige Bänder, die das Schlüsselbein gegenüber dem Schulterdach stabilisieren, die Coraco-Clavikulären Bänder (CC-Bänder, gekennzeichnet als rotes „V“.)

Bild AC-Gelenkssprengung   Auf diesem Röntgenbild des Schultereckgelenks ist deutlich der größere Abstand zwischen dem Schulterdach (*) und dem seitlichen Schlüsselbein (Pfeil) zu erkennen. Dieser größere Abstand rührt von der Zerreißung der Gelenkkapsel und der CC-Bänder und ist Ausdruck der Instabilität des Gelenks.

Um die Verletzung und deren Behandlung besser verstehen zu können und unterschiedliche Behandlungskonzepte miteinander vergleichen zu können, hat man eine Einteilung der Schweregrade der Verletzung vorgenommen und nach deren Beschreiber, Rockwood, klassifiziert:

Bild AC-Gelenkssprengung

Diese Abbildung wurde aus dem Original-Lehrbuch des Nordamerikanischen Chirurgen Rockwood entnommen (28. Rockwood CJ, Williams G, Young D. Disorders of the acromioclavicular joint. In: Rockwood CJ, Matsen FA, eds. The Shoulder. 2nd ed. Philadelphia, PA: WB Saunders; 1998;483–553.) und zeigt die unterschiedlichen Schweregrade der Verletzung an. Die Verletzungstypen I und II werden in der Regel ohne Operation behandelt. Ab der Verletzungsschwere III gehen die Meinungen in der internationalen Literatur etwas auseinander. Einig ist man sich, dass bei jungen und sportlich aktiven Patienten eine operative Reparatur des Gelenkes erfolgen sollte, da das Hochstehen des seitlichen Schlüsselbeins bei vielen Sportarten stört.

Rockwood I:   Zerrung des Kapsel-/Bandapparates. Keine Schultereckgelenkinstabilität.
Rockwood II:   Teilzerreißung des Kapsel-/Bandapparates (Ruptur der akromioklavikularen Bänder) mit Teilverrenkung des Schultereckgelenkes.
Rockwood III:   Zerreißung des kompletten Kapsel-/Bandapparates (Ruptur der akromioklavikularen Bänder und der korakoklavikularen Bänder) mit vollständiger Verrenkung des Schultereckgelenkes in der Vertikalebene nach kopfwärts, sog. Schultereckgelenksprengung.
Rockwood IV:   Das seitliche Schlüsselbeinende verrenkt sich in der Horizontalebene. Dabei kann es sich im Trapezmuskel verhaken.
Rockwood V:   Extremer Schlüsselbeinhochstand mit ausgedehnter Ablösung der Muskelansätze am seitlichen Schlüsselbeinende.
Rockwood VI:   Verrenkung des seitlichen Schlüsselbeinendes fußwärts unter das Korakoid.

Bei einer kompletten Zerreißung (ab Rockwood III) und angedeutet auch bei größeren Teilzerreißungen kann bei der körperlichen Untersuchung das meist schmerzhafte '''Klaviertastenphänomen''' ausgelöst werden: das nach oben abweichende äußere Ende des Schlüsselbeines kann vom Untersucher wie eine Klaviertaste nach unten gedrückt werden, federt aber beim Nachlassen das Druckes sofort wieder nach oben. Das Ausmaß des Klaviertastenphänomens ist ein indirekter Hinweis auf das Ausmaß der Bandverletzung.

Bislang erfolgte die operative Versorgung dieser Verletzungen über einen offenen Schnitt mit ca. 8 cm Länge über das Schultereckgelenk. Dann wurde entweder eine Hakenplatte implantiert oder das Gelenk mit Drähten stabilisiert und die gleichzeitig zerissenen stabilisierenden Bänder zwischen dem Schlüsselbein und dem Processus coracoideus verstärkt.

Ein neuartiges Verfahren erlaubt nun erstmals, die Verletzung mittels Schlüssellochchirurgie über ganz kleine Hautschnitte zu versorgen. Dabei wird ein ganz starker Faden zwischen dem Schlüsselbein und dem Rabenschnabelfortsatz eingezogen und mit zwei kleinen Metallplättchen gehalten. Darunter gelingt es, die Position des Schlüsselbeins für eine gewisse Zeit zu stabilisieren, während die Natur ihre Arbeit erledigen und eine stabile Narbe im Gelenk ausbilden kann.

Dieses „tight-rope“ genannte Verfahren wird in unserer Klinik seit kurzem zur Versorgung der Verletzung angewandt.


Bild AC-Gelenkssprengung   Dieses Röntgenbild zeigt die AC-Gelenkssprengung mit deutlicher Vergrößerung des Abstandes der seitlichen Clavikula vom Schulterdach

Bild AC-Gelenkssprengung   Diese Röntgenaufnahme zeigt das postoperative Ergebnis mit korrekter Position des Schlüsselbeins gegenüber dem Schulterdach und die beiden Metallplättchen, die die Verbindung zwischen dem Schlüsselbein und dem Rabenschnabelfortsatz fixieren.

Die Wunden sind bei diesem neuen Verfahren viel kleiner, was bei der kosmetisch gerade bei Frauen so sensiblen Zone des Dekolletees eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Somit lassen sich die Folgen von Sportverletzungen minimal invasiv behandeln und ausheilen. Die Langzeitergebnisse werden gerade im Rahmen einer prospektiv randomisierten Studie unserer Klinik ausgewertet.

P. Biberthaler, C. Melcher und V. Braunstein


Für weitere Informationen wenden Sie sich an unsere Schultersprechstunde:
Dr. med. V. Braunstein, Tel. (089) 5160-2671